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ONS

Zwei Welten im Rückspiegel

Die Motoren dröhnten noch immer in meinen Ohren, obwohl ich schon seit fast einer Stunde in meinem Apartment war. Es war dieser seltsame Zustand nach einem langen Tag auf der Strecke – mein Körper war völlig erschöpft, aber mein Geist raste immer noch mit dreihundert Sachen pro Stunde. Ich saß auf der Kante meines Bettes, die Ellbogen auf den Knien abgestützt, und starrte auf meine Hände. Sie zitterten ein wenig, ein Mix aus Adrenalin und Schlafmangel.

Eigentlich hätte ich mich über die Datenanalyse hermachen sollen. Zak und die Ingenieure erwarteten vollen Fokus, besonders jetzt, wo die Saison in die heiße Phase ging. Aber mein Blick wanderte immer wieder zur Tür meines Schlafzimmers.

Dort, wo sie vor ein paar Tagen gestanden hatte.

Ophelia. Lia.

Ich fluchte leise und rieb mir über das Gesicht. Normalerweise war ich gut darin, solche Nächte als das abzutun, was sie waren: eine willkommene Ablenkung vom Druck des Zirkus. Ein One-Night-Stand in Monaco ist so gewöhnlich wie eine Yacht im Hafen. Aber Lia war anders gewesen. Es war nicht nur das Kleid oder die Art, wie sie getanzt hatte, völlig verloren in der Musik, ohne darauf zu achten, wer sie beobachtete. Es war diese Ehrlichkeit in ihren Augen gewesen.

Als ich sie an der Bar ansprach, hatte sie mich nicht angesehen, als wäre ich Lando Norris, der McLaren-Pilot. Sie hatte mich angesehen wie einen Typen, der ihr gerade einen Drink spendiert hatte. Und als ich ihr meinen Namen nannte, blitzte da kein Erkennen auf, kein „Oh, ich weiß, wer du bist“. Da war nur diese leichte Röte auf ihren Wangen und ein Lächeln, das mich entwaffnet hatte.

Ich stand auf und ging in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Mein Blick fiel auf die Arbeitsplatte, wo sie gestern Morgen ihre Tasche abgestellt hatte. Ein kleiner Teil von mir bereute es, dass ich so überstürzt aufgebrochen war. Der Geschäftstermin war wichtig gewesen, sicher, aber der Ausdruck in ihren Augen, als ich sie zur Tür hinausbegleitete, verfolgte mich. Sie hatte erwartet, dass es das war. Dass sie nur eine weitere flüchtige Begegnung in meinem chaotischen Leben war.

Und verdammt, wahrscheinlich hatte sie recht. Was sollte ich ihr bieten? Zwischen Sim-Sessions, Sponsorenterminen und Rennen auf drei verschiedenen Kontinenten blieb kaum Zeit zum Atmen, geschweige denn für etwas Reales.

Mein Handy vibrierte auf dem Tisch. Eine Nachricht von Max.

„Kommst du heute noch online? Wir brauchen einen vierten Mann für Warzone.“

Ich starrte auf das Display, tippte eine Antwort und löschte sie wieder. Normalerweise wäre Gaming meine Flucht gewesen. Heute fühlte es sich hohl an. Ich entsperrte mein Handy und tat etwas, das ich normalerweise vermied: Ich suchte nach ihr.

Es gab tausende Ophelias auf Instagram. Aber ich erinnerte mich an ihren Nachnamen. Mcglister. Ein ungewöhnlicher Name für Monaco. Nach ein paar Minuten Scrollen fand ich sie. Ihr Profil war nicht privat, was mich überraschte. Das erste Bild, das oben in ihrer Story erschien, war ein Sonnenuntergang über dem Meer. Schlicht. Schön. Ohne Filter, die alles künstlich aussehen ließen.

Ich scrollte durch ihre Fotos. Da waren Bilder von Kindern – vermutlich ihre Schüler –, ein altes Foto von einem Pferd, und viele Bilder mit einer blonden Freundin, die ich aus dem Club wiedererkannte. Sie sah auf jedem Foto so... echt aus. Bodenständig. Eine Lehrerin.

Ich stellte mir vor, wie sie vor einer Klasse stand und Kindern etwas über Geschichte erzählte. Der Kontrast zu meiner Welt könnte nicht größer sein. Ich verbrachte meine Zeit damit, Zehntelsekunden zu jagen, während sie die nächste Generation formte.

„Reiß dich zusammen, Norris“, murmelte ich und legte das Handy weg. „Du hast sie nicht mal nach ihrer Nummer gefragt. Du hast es vermasselt.“

Ich wusste genau, warum ich es nicht getan hatte. In dem Moment, als ich sie ansah, wie sie sich die Haare richtete und ihre Sachen zusammensuchte, hatte ich Angst bekommen. Angst davor, dass sie „Nein“ sagen würde, wenn sie erst einmal herausfand, wer ich wirklich war. Oder schlimmer noch: Angst davor, dass sie „Ja“ sagen würde und ich sie in mein kompliziertes, öffentliches Leben hineinziehen würde, das sie wahrscheinlich hassen würde.

Ich ging zurück ins Schlafzimmer und ließ mich auf das Bett fallen. Der Geruch ihres Parfüms hing noch ganz schwach in den Laken – eine Mischung aus Vanille und etwas Blumigem. Es machte mich wahnsinnig.

Am nächsten Tag war das Training besonders hart. Die Hitze in der Kabine war erstickend, und mein Kopf war nicht zu hundert Prozent bei der Sache.

„Lando, deine Einlenkpunkte in Kurve 4 sind unsauber“, knackte die Stimme meines Renningenieurs in meinem Ohr. „Konzentrier dich.“

„Ja, ich weiß. Sorry“, antwortete ich kurz angebunden.

Nach der Session saß ich in der Hospitality und starrte auf meinen Salat, als Jon, mein Trainer, sich zu mir setzte.

„Du bist heute woanders, Kumpel. Was ist los? Schlafmangel?“

Ich zuckte die Achseln. „Nur viel im Kopf.“

„Geht’s um den Vertrag? Oder das Auto?“

Ich sah ihn an und überlegte kurz, ihm von Lia zu erzählen. Aber wie sollte ich das erklären? Dass ich ein Mädchen getroffen hatte, das keine Ahnung von der Formel 1 hatte und mich trotzdem besser fühlen ließ als jeder Podiumsplatz?

„Nein, alles gut“, log ich. „Nur eine kleine Blockade.“

Jon musterte mich skeptisch, ließ es aber gut sein.

Später am Abend, als ich wieder allein war, scrollte ich erneut durch Instagram. Ich wusste, es war dumm. Ich war wie ein Geist, der ihr Leben aus der Ferne beobachtete. Ich sah, dass sie ein Foto von einem Nudelauflauf gepostet hatte. „Endlich Feierabend“, stand darunter.

Ich musste schmunzeln. Während ich mich mit isotonischen Getränken und Proteinshakes vollstopfte, genoss sie das einfache Leben.

Plötzlich überkam mich ein Impuls. Ich wollte ihr schreiben. Ich wollte ihr sagen, dass ich die Nacht nicht vergessen hatte. Aber was schrieb man einer Frau, die man nach einem One-Night-Stand fast wortlos vor die Tür gesetzt hatte?

„Hey, ich bin der Typ aus dem Club, übrigens bin ich berühmt, sorry für den schnellen Abgang“?

Nein. Das war erbärmlich.

Ich legte das Handy weg und löschte das Licht. Aber die Dunkelheit half nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diese blauen Augen vor mir. Ihre Augen hatten so hell geleuchtet, als wir über Gott und die Welt geredet hatten. Und am Morgen... am Morgen waren sie so matt gewesen, weil ich sie wecken musste.

Ich fühlte mich wie ein Idiot. Ich hatte alles, was man sich wünschen konnte – Geld, Ruhm, das schnellste Auto der Welt –, aber in diesem Moment fühlte ich mich unglaublich einsam.

Monaco war klein, das wusste ich. Ich wusste auch, dass die Wahrscheinlichkeit, ihr zufällig über den Weg zu laufen, gar nicht so gering war. Aber wollte ich das wirklich dem Zufall überlassen?

Mein Bruder Oliver hatte mir mal gesagt, dass man im Rennsport nur gewinnt, wenn man Risiken eingeht. Wenn man wartet, bis die Lücke perfekt ist, ist sie meistens schon wieder zu. Man muss die Lücke erzwingen.

Ich griff wieder nach meinem Handy. Mein Herz klopfte schneller als bei einem Qualifying-Start. Ich suchte ihr Profil und tippte auf „Nachricht senden“.

Ich starrte auf den blinkenden Cursor. Was sollte ich sagen?

„Lia, ich bin’s, Lando. Ich konnte nicht aufhören, an unsere Nacht zu denken. Es tut mir leid, dass ich so schnell weg musste. Können wir uns vielleicht nochmal sehen? Ohne laute Musik und ohne Zeitdruck?“

Ich las die Nachricht fünfmal durch. Mein Finger schwebte über dem „Senden“-Button.

„Du bist ein Profi-Rennfahrer, verdammt noch mal“, schalt ich mich selbst. „Du fährst mit 320 km/h durch Tunnel, aber du hast Angst vor einer Nachricht an eine Lehrerin?“

Ich drückte ab.

Die Nachricht wurde gesendet.

Sofort überkam mich eine Welle von Panik. Was, wenn sie gar nicht wusste, wer ich war? Was, wenn sie die Nachricht gar nicht sah oder, schlimmer noch, sie las und nicht antwortete?

Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Nachttisch.

„Ganz ruhig, Lando“, atmete ich tief durch. „Der Ball liegt jetzt bei ihr.“

Ich wusste nicht, ob sie antworten würde. Ich wusste nicht einmal, ob sie mich überhaupt noch einmal sehen wollte. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte es sich so an, als hätte ich ein Rennen gestartet, bei dem es um viel mehr ging als nur um WM-Punkte.

Es ging um dieses Leuchten in ihren Augen. Und ich würde alles tun, um es wiederzusehen.

Draußen vor meinem Fenster glitzerten die Lichter von Monte Carlo. Irgendwo da draußen, in einer kleinen Wohnung, schlief sie vielleicht gerade. Oder sie sah auf ihr Handy und fragte sich, wer dieser Lando eigentlich war.

Ich schloss die Augen und hoffte, dass mein Bauchgefühl mich nicht getrogen hatte. Dieses gute Gefühl, von dem sie gesprochen hatte... ich spürte es auch. Und es war das stärkste Signal, das ich je auf meinem Dashboard gehabt hatte.

Morgen würde ich wieder im Auto sitzen. Morgen würde ich wieder der Fahrer sein, den alle kannten. Aber heute Nacht war ich einfach nur ein Typ, der darauf wartete, dass ein Mädchen namens Ophelia ihm eine Chance gab.

Und während ich langsam in den Schlaf driftete, war das letzte, was ich sah, nicht die Zielflagge, sondern ein Paar blauer Augen, die mich ansahen, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt.