Breaking ice
Schatten auf dem Eis
Die darauffolgende Woche fühlte sich an wie ein vorsichtiger Tanz auf einer viel zu dünnen Eisfläche. Ivery versuchte, ihren Rhythmus zu finden, sich in den Vorlesungen zu vergraben und die Präsenz der Eishockeyspieler zu ignorieren, die den Campus wie eine Besatzungsmacht dominierten. Doch Briar war klein, und Garrett Graham schien plötzlich überall zu sein. Er war der dunkle Fleck in ihrem Sichtfeld, den sie nicht wegblinzeln konnte.
Am Dienstagnachmittag saß sie in der Cafeteria und starrte auf ihren Salat, während Allie neben ihr ununterbrochen über die anstehende Party am Wochenende redete.
„Es wird legendär, Ivery! Die Jungs vom Team schmeißen sie in ihrem Haus in der Nähe vom See. Du musst mitkommen. Keine Ausreden mehr“, sagte Allie und fuchtelte mit ihrer Gabel in der Luft herum.
Ivery schüttelte langsam den Kopf. „Ein Haus voller verschwitzter Sportler, die sich mit billigem Bier übergießen? Klingt nach meinem persönlichen Vorraum zur Hölle, Allie.“
„Du bist so dramatisch“, lachte Allie, doch ihr Blick blieb kurz an Iverys Unterarmen hängen. Es war kein mitleidiger Blick, eher einer voller Rätselraten. „Komm schon, nur für eine Stunde. Wenn es schrecklich ist, fahren wir wieder. Ich verspreche es.“
Bevor Ivery antworten konnte, schob sich ein Schatten über ihren Tisch. Sie musste nicht aufsehen, um zu wissen, wer es war. Dieser spezifische Geruch nach Minze und einer kühlen, fast metallischen Note war mittlerweile in ihr Gedächtnis eingebrannt.
„Lass sie, Allie“, sagte Garretts Stimme von oben herab. Er klang nicht spöttisch, eher resigniert. „Ivery hat Angst, dass ihr hoher moralischer Ross an der Haustür hängen bleibt, wenn sie eine unserer Partys besucht.“
Ivery hob den Kopf und fixierte ihn mit einem Blick, der Steine hätte spalten können. Er trug seinen Team-Hoodie, die Kapuze tief im Nacken, und sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Die Schatten unter seinen Augen waren dunkler geworden.
„Ich habe keine Angst vor euren Partys, Graham“, erwiderte sie kühl. „Ich habe nur einen ausgeprägten Sinn für Zeitverschwendung. Und was meinen moralischen Ross angeht – er galoppiert immer noch Kreise um dein Ego.“
Logan, der hinter Garrett stand, prustete los. „Gott, Garrett, sie macht dich jedes Mal fertig. Ich liebe es.“
Garrett ignorierte seinen Freund und starrte Ivery einfach nur an. Es war kein Flirten. Es war ein Messen der Kräfte. „Freitagabend. Acht Uhr. Wenn du nicht auftauchst, nehme ich an, dass du doch Angst hast. Nicht vor dem Bier, sondern davor, dass du feststellst, dass wir auch nur Menschen sind.“
Er wartete keine Antwort ab und zog Logan mit sich weiter.
„Er hat dich herausgefordert“, flüsterte Allie mit großen Augen. „Das kannst du nicht auf dir sitzen lassen.“
Ivery biss sich auf die Lippe. Sie hasste es, wenn man sie provozierte. Und sie hasste es noch mehr, dass Garrett Graham genau wusste, welche Knöpfe er drücken musste. „Ich werde da sein. Aber nur, um ihm den Triumph zu nehmen.“
Der Freitagabend kam schneller, als ihr lieb war. Das Haus der Eishockeyspieler war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte: laut, überfüllt und klebrig. Die Bässe hämmerten gegen ihre Schläfen, noch bevor sie die Schwelle überschritten hatte. Ivery trug ein einfaches schwarzes Oberteil mit Dreiviertelärmeln – ein Kompromiss zwischen ihrem Stolz und ihrem Bedürfnis nach einer gewissen Distanz. Ihre Narben waren sichtbar, wenn sie die Arme bewegte, aber sie achtete nicht darauf.
Schon nach zehn Minuten verlor sie Allie im Getümmel. Sie bahnte sich einen Weg durch die schwitzende Menge in Richtung der Küche, in der Hoffnung, dort etwas Wasser zu finden.
„Suchst du den Ausgang oder ein Wunder?“
Garrett lehnte am Kühlschrank, ein roter Plastikbecher in der Hand, den er jedoch nur hielt, ohne daraus zu trinken. Er beobachtete sie mit einer Intensität, die sie nervös machte.
„Ich suche den schnellsten Weg, um hier wieder zu verschwinden“, gab sie zurück und griff sich eine Wasserflasche aus einem offenen Karton auf dem Boden.
„Du bist gekommen“, stellte er fest. Er trat einen Schritt auf sie zu. Die Lautstärke der Musik schien in der Küche etwas gedämpft, aber die Spannung zwischen ihnen war ohrenbetäubend.
„Nur um zu beweisen, dass ich keine Angst habe“, sagte sie und verschränkte die Arme. „Und? Wo sind die brennenden Reifen, durch die ich springen muss, um in euren exklusiven Club der Hirnlosen aufgenommen zu werden?“
Garrett lachte leise, ein raues Geräusch. „Du bist wirklich unerbittlich, oder? Was hat dir dieser Sport eigentlich getan, Ivery? Es ist mehr als nur Arroganz. Du reagierst auf Eishockey wie andere Leute auf einen Tatort.“
Ivery spürte, wie die Kälte in ihr hochstieg. Die Erinnerung an das spritzende Blut auf dem weißen Eis, das grelle Licht der Sanitäter und das verzweifelte Schreien ihrer Mutter schoss wie ein Blitz durch ihren Kopf. Sie krallte ihre Finger in ihre Oberarme, direkt über den alten Narben.
„Es geht dich nichts an“, presste sie hervor. „Spiel dein Spiel, Graham. Sei der Held der Briar University. Aber erwarte nicht, dass ich applaudiere.“
Sie wollte sich umdrehen und gehen, doch Garrett machte einen schnellen Schritt und versperrte ihr den Weg. Sein Gesicht war jetzt ganz nah an ihrem. „Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du hast mehr mit mir gemeinsam, als du zugeben willst. Du versteckst dich hinter dieser ‚Ich hasse die Welt‘-Attitüde, weil es einfacher ist, als zuzugeben, dass dich irgendetwas verdammt tief verletzt hat.“
„Rede nicht über Dinge, von denen du keine Ahnung hast“, zischte sie. „Du bist der Kapitän. Du hast alles. Du hast einen Vater, der eine Legende ist, du hast Ruhm, du hast eine Zukunft. Du hast keine Ahnung, was es heißt, alles zu verlieren, nur weil ein blöder Puck in die falsche Richtung geflogen ist.“
Garretts Miene veränderte sich schlagartig. Das Licht in seinen Augen erlosch und machte einer dunklen, beinahe beängstigenden Leere Platz. Er trat so nah an sie heran, dass sie seinen schnellen Atem auf ihrer Haut spüren konnte.
„Du denkst, mein Vater ist ein Segen?“, fragte er mit einer Stimme, die so leise und gefährlich war, dass sie eine Gänsehaut bekam. „Du denkst, es ist toll, der Sohn von Phil Graham zu sein? Der Mann ist kein Held, Ivery. Er ist ein Monster, das jede Schwäche aus dir herausprügelt, bis nur noch das funktioniert, was er auf dem Eis sehen will. Er sieht mich nicht als Sohn. Er sieht mich als eine Investition, die nicht scheitern darf.“
Ivery hielt den Atem an. Die Wut in seiner Stimme war so real, so greifbar, dass sie sie fast körperlich spüren konnte. Zum ersten Mal sah sie nicht den arroganten Sportler, sondern den Jungen, der in der Bibliothek gezittert hatte, als sein Handy klingelte.
„Garrett…“, begann sie, doch er unterbrach sie mit einem harten Lachen.
„Spar dir das Mitleid. Ich brauche es nicht. Ich erzähle das niemandem, weißt du? Nicht Logan, nicht den Trainern. Niemandem. Die Leute wollen den Star sehen, nicht den Jungen, der Angst hat, nach Hause zu fahren, weil er ein Spiel verloren hat.“
Er starrte auf ihre Unterarme, auf die feinen weißen Linien, die sie so offen trug. „Du trägst deinen Schmerz wenigstens nach außen. Du zeigst der Welt, dass sie dich nicht kaputt machen konnte, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich… ich muss jeden Tag so tun, als wäre ich unbesiegbar.“
Ivery spürte, wie die Mauern, die sie so sorgfältig um ihr Herz errichtet hatte, gefährlich wackelten. Sie wollte ihn hassen. Sie wollte ihn in die Schublade stecken, in die alle Hockey-Spieler gehörten. Aber er passte nicht mehr hinein. Er war zerbrochen, genau wie sie. Nur dass seine Risse unter einer glänzenden Oberfläche verborgen lagen.
„Mein Vater ist tot“, sagte sie plötzlich. Die Worte hingen schwer im Raum, zwischen dem Lärm der Party und der Stille in der Küche.
Garrett erstarrte. Er sah sie an, als hätte sie ihn gerade geohrfeigt.
„Er war Eishockeyspieler“, fuhr sie fort, ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Ein verdammt guter. Ich habe gesehen, wie er gestorben ist. Auf dem Eis. Eine Kufe… es war ein Unfall. Aber seit diesem Tag hasse ich das Geräusch von Schlittschuhen. Ich hasse das Eis. Und ich hasse es, wenn Leute so tun, als wäre es nur ein Spiel. Es ist kein Spiel, wenn es Leben zerstört.“
Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Draußen grölte jemand einen Song mit, Glas zerbrach, aber hier drin schien die Zeit stillzustehen. Zwei Menschen, die durch denselben Sport zerstört worden waren – der eine durch einen Verlust, der andere durch eine grausame Präsenz.
Garrett hob langsam die Hand. Er berührte sie nicht, aber seine Finger schwebten kurz über ihrem Handgelenk, dort, wo die Narben am deutlichsten waren. „Es tut mir leid, Ivery.“
„Sollte es nicht“, sagte sie rau. „Du kannst nichts dafür.“
„Vielleicht nicht für deinen Vater. Aber dafür, dass ich dich so abgestempelt habe.“ Er senkte die Hand und trat einen Schritt zurück, als würde er erst jetzt merken, wie nah sie sich gekommen waren. „Wir sind beide ziemlich im Arsch, oder?“
Ivery musste trotz allem kurz lächeln, ein trauriges, ehrliches Lächeln. „Wahrscheinlich mehr als die meisten hier.“
„Komm mit“, sagte er plötzlich.
„Was? Wohin?“
„Raus hier. Ich halte das hier drin auch nicht mehr aus. Die Luft ist zum Kotzen und ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als würde ich mich amüsieren.“
Ivery zögerte. Sie sollte gehen. Sie sollte Allie suchen und nach Hause fahren. Sie sollte sich von Garrett Graham fernhalten, denn er war alles, was sie fürchtete. Er war die Erinnerung an das Eis. Er war die Gefahr, sich wieder auf jemanden einzulassen, der jederzeit zerstört werden konnte.
Aber als sie in seine Augen sah, sah sie nicht den Kapitän. Sie sah jemanden, der genauso einsam war wie sie selbst.
„Okay“, sagte sie leise. „Gehen wir.“
Sie schlichen sich durch den Hinterausgang des Hauses. Die kühle Nachtluft tat gut nach der stickigen Hitze der Party. Garrett führte sie zu seinem Wagen, einem schwarzen Jeep, der so sauber war, dass er fast fehl am Platz wirkte.
„Wo fahren wir hin?“, fragte sie, als sie eingestiegen waren.
„Irgendwohin, wo man das Stadion nicht sehen kann“, antwortete er und startete den Motor.
Sie fuhren schweigend aus der Stadt hinaus. Die Lichter des Campus verblassten im Rückspiegel. Ivery lehnte den Kopf gegen die kühle Fensterscheibe und beobachtete die vorbeiziehenden Bäume. Es war seltsam. Sie sollte sich unwohl fühlen, allein mit einem Jungen, den sie eigentlich hasste, in einem Auto mitten in der Nacht. Aber stattdessen spürte sie eine seltsame Ruhe.
Garrett hielt an einem Aussichtspunkt an, von dem aus man über das Tal blicken konnte. Er stellte den Motor ab, aber er machte keine Anstalten auszusteigen.
„Warum hast du aufgehört?“, fragte er nach einer Weile. Er sah nicht zu ihr, seine Hände lagen locker auf dem Lenkrad.
„Was aufgehört?“
„Dich zu verstecken. Die Narben.“
Ivery sah auf ihre Arme hinunter. „Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, im Sommer Langarmshirts zu tragen. Und ich hatte keine Lust mehr, mich für etwas zu schämen, das ich überlebt habe. Wer ein Problem damit hat, soll weggucken. Es ist eine Warnung an die Welt: Ich bin nicht so zerbrechlich, wie ich aussehe.“
Garrett nickte langsam. „Ich wünschte, ich hätte deinen Mut.“
„Du hast Mut, Garrett. Du gehst jeden Tag da raus und spielst diesen Sport, obwohl er dich an deinen Vater erinnert. Das ist eine andere Art von Kampf.“
„Es ist kein Mut“, widersprach er bitter. „Es ist Feigheit. Ich habe zu viel Angst davor, was passiert, wenn ich aufhöre. Er würde mich vernichten. Finanziell, emotional… er würde dafür sorgen, dass ich nichts mehr habe.“
Ivery drehte sich zu ihm um. „Er kann dich nur vernichten, wenn du ihm die Macht dazu gibst. Du bist Garrett Graham. Nicht Phil Grahams Sohn.“
Garrett sah sie nun doch an. In der Dunkelheit des Wagens wirkten seine Augen fast schwarz. „Du bist das erste Mädchen, das mir nicht sagt, wie toll es ist, dass ich Profi werde.“
„Ich will nicht, dass du Profi wirst, wenn es dich umbringt“, sagte sie mit einer Ehrlichkeit, die sie selbst erschreckte.
Er starrte sie lange an, und für einen Moment dachte Ivery, er würde sie küssen. Die Luft zwischen ihnen war elektrisch geladen, voller ungesagter Worte und einer Anziehungskraft, die nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hatte. Es war die Anziehungskraft zweier Seelen, die sich im Dunkeln erkannt hatten.
Doch Garrett wandte den Blick ab. Er war noch nicht so weit. Und sie war es auch nicht.
„Ich sollte dich zurückbringen“, sagte er leise.
„Ja“, antwortete sie. „Wahrscheinlich.“
Die Rückfahrt war wieder still, aber es war ein anderes Schweigen als zuvor. Es war nicht mehr geladen mit Vorwürfen und Hass. Es war ein geteiltes Schweigen, ein gegenseitiges Verständnis, das tiefer ging als alles, was Ivery bisher an der Briar University erlebt hatte.
Als er sie vor ihrem Wohnheim absetzte, hielt er sie kurz am Arm fest, bevor sie aussteigen konnte. Seine Berührung war vorsichtig, fast fragend.
„Ivery?“
„Ja?“
„Danke. Dass du nicht applaudiert hast.“
Sie nickte kurz, unfähig zu sprechen, und stieg aus. Sie sah dem Jeep hinterher, bis die Rücklichter in der Dunkelheit verschwanden.
In ihrem Zimmer lag Allie bereits im Bett und schlief tief und fest. Ivery setzte sich auf ihr Bett und strich über ihre Unterarme. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich der Schmerz über ihren Vater nicht mehr wie ein alles verzehrendes Feuer an, sondern wie eine kalte Glut, die man kontrollieren konnte.
Sie wusste, dass das mit Garrett kompliziert werden würde. Er war immer noch der Eishockey-Kapitän. Er war immer noch der Junge, der in einer Welt lebte, die sie verabscheute. Und sie war immer noch das Mädchen mit den Narben und der Angst vor dem Eis.
Hate to Love war ein langsamer Prozess, besonders wenn man so viel Gepäck mit sich herumschleppte wie sie beide. Aber heute Nacht hatten sie den ersten Schritt gemacht. Sie hatten aufgehört, sich gegenseitig als Feinde zu sehen, und angefangen, sich als Menschen zu sehen.
Ivery legte sich hin und schloss die Augen. In ihren Träumen gab es kein Blut und kein Eis. Da war nur die dunkle Silhouette eines Jungen, der versuchte, aus seinem eigenen Gefängnis auszubrechen. Und zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie vielleicht diejenige sein könnte, die ihm den Schlüssel reichte – oder ob sie gemeinsam ausbrechen würden.
Aber der Weg dorthin war lang. Und das Eis unter ihren Füßen war immer noch verdammt dünn.