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ICe Breaker

Narben und Neuland

Die Kälte der Nachtluft biss in Avas Lungen, während sie so schnell wie möglich vom Hockey-Haus weglief. Das Dröhnen der Bässe wurde leiser, doch das hämmernde Geräusch in ihrer Brust blieb. Sie blieb erst stehen, als sie die Schatten der alten Eichen hinter dem Verwaltungsgebäude erreichte. Hier war es still. Nur das ferne Rauschen des Verkehrs und das Rascheln der Blätter waren zu hören.

Sie presste den Rücken gegen den rauen Stamm eines Baumes und schloss die Augen. „Atmen, Ava. Einfach nur atmen“, befahl sie sich selbst. Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Hoodies. Garretts Blick brannte immer noch auf ihrer Haut. Er war nicht wie die anderen Jungs gewesen, die sie bisher an der Briar kennengelernt hatte. Die meisten ließen sich von ihrer kühlen Art sofort abschrecken oder versuchten es mit noch billigeren Anmachsprüchen. Aber Garrett... er hatte etwas in ihr gesehen, das sie sorgfältig versteckt hielt. Und das machte ihm keine Angst. Es machte ihn neugierig.

„Verdammt“, flüsterte sie und spürte, wie eine Träne über ihre Wange rollte. Sie hasste diese Schwäche. Sie hasste es, dass ein einziger Abend in einem Haus voller verschwitzter Sportler ihre mühsam errichteten Mauern zum Wackeln gebracht hatte.

Am nächsten Morgen war die Welt wieder grau. Ava saß in der hintersten Ecke der Bibliothek, umgeben von dicken Wälzern über die Renaissance, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Sie hatte Allie heute Morgen erfolgreich gemieden, indem sie das Zimmer verließ, bevor die Sonne richtig aufgegangen war. Sie war nicht bereit für Allies neugierige Fragen oder ihre gut gemeinten Verkupplungsversuche.

„Ich wusste doch, dass ich dich hier finde.“

Ava erstarrte. Diese Stimme. Sie musste nicht aufsehen, um zu wissen, wer vor ihr stand. Garrett Graham schob einen Stuhl zurück und setzte sich ungefragt an ihren Tisch. Er trug einen schlichten schwarzen Kapuzenpullover, der seine Schultern noch breiter wirken ließ, und seine braunen Locken waren ein einziges Chaos.

„Ist das dein neuer Nebenjob? Mich verfolgen?“, fragte sie, ohne den Blick von ihrem Buch zu heben.

„Eigentlich wollte ich nur lernen“, erwiderte er gelassen und legte ein Notizbuch auf den Tisch. „Aber da ich dich hier sehe, dachte ich mir, ich frage mal nach, ob du gestern gut nach Hause gekommen bist. Du bist ziemlich überstürzt aufgebrochen.“

„Es war mir zu laut“, sagte sie knapp.

„Oder ich war dir zu nah“, konterte er.

Ava sah ihn nun doch an. Seine Augen waren wachsam, fast schon analysierend. „Du hältst dich für sehr wichtig, oder? Glaubst du wirklich, dass sich mein ganzes Leben um dich dreht, nur weil wir zwei Sätze gewechselt haben?“

Garrett lachte leise, ein tiefes, kehliges Geräusch, das eine unangenehme Gänsehaut auf Avas Armen verursachte. „Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass du dir verdammt viel Mühe gibst, damit sich gar nichts um irgendwen dreht. Du bist wie eine Festung, Ava. Aber jede Festung hat ein Tor.“

„Meines ist verriegelt und verrammelt, Graham. Such dir ein anderes Spielzeug. Die Uni ist voll von Mädchen, die nur darauf warten, dass der große Hockey-Star ihnen ein Lächeln schenkt.“

Garretts Gesichtsausdruck veränderte sich. Der spöttische Glanz in seinen Augen erlosch und machte Platz für einen Ernst, der Ava den Atem raubte. Er lehnte sich über den Tisch, seine Stimme wurde zu einem tiefen Flüstern.

„Ich suche kein Spielzeug. Und ich bin nicht hier, weil ich ein Fan-Girl brauche. Ich bin hier, weil du gestern etwas über das Blut auf dem Eis gesagt hast. Das war kein Spruch, Ava. Das war die Wahrheit. Und ich will wissen, warum du diese Wahrheit kennst.“

Ava spürte, wie die Panik wieder hochkroch. „Du weißt gar nichts.“

„Ich weiß, wie es ist, wenn man einen Namen trägt, der ein Fluch und ein Segen zugleich ist“, sagte er leise. „Ich weiß, wie es ist, wenn die Leute einen ansehen und nur den Sohn von Phil Graham sehen, nicht Garrett. Ich weiß, wie es ist, wenn man versucht, die Erwartungen zu erfüllen, während man innerlich langsam zerbricht.“

Ava starrte ihn fassungslos an. Er sprach über seinen Vater. Den Mann, den die Sportwelt als Helden feierte, von dem man aber hinter vorgehaltener Hand munkelte, er sei ein Tyrann.

„Mein Vater...“, begann sie, doch ihre Stimme brach. Sie räusperte sich und versuchte es erneut. „Mein Vater war nicht wie deiner. Er war ein guter Mann. Er hat das Hockey geliebt. Mehr als alles andere. Und genau das hat ihn umgebracht.“

Garrett beobachtete sie genau. Er sah, wie ihre Hände unter dem Tisch zitterten. „Was ist passiert?“

„Ein Unfall“, sagte sie, und das Wort fühlte sich wie Asche in ihrem Mund an. „Ein verdammter, sinnloser Unfall während eines Spiels. Ich war zehn Jahre alt und saß auf der Tribüne. Ich habe gesehen, wie er... wie er auf dem Eis verblutet ist. Die Sanitäter waren nicht schnell genug. Das Blut... es war überall. Das Weiß des Eises war komplett rot.“

Stille breitete sich zwischen ihnen aus, so schwer und dicht, dass man sie fast greifen konnte. Garrett sagte nichts. Er bot ihr keine hohlen Trostfloskeln an, wofür sie ihm in diesem Moment unendlich dankbar war. Er saß einfach nur da und hielt ihren Blick aus.

„Seit diesem Tag hasse ich diesen Sport“, fuhr sie fort, ihre Stimme jetzt fester. „Ich hasse die Gewalt, ich hasse das Risiko und ich hasse die Tatsache, dass Menschen zusehen und jubeln, während andere ihre Gesundheit oder ihr Leben für eine Trophäe riskieren. Also ja, Graham. Ich mag dich nicht. Weil du alles repräsentierst, was mir meinen Vater weggenommen hat.“

Garrett atmete tief durch. Er spürte einen stechenden Schmerz in seiner Brust, ein Mitgefühl, das er so noch nie für jemanden empfunden hatte. Er wollte ihre Hand nehmen, sie trösten, doch er wusste, dass sie ihn in diesem Moment von sich stoßen würde.

„Ich kann das nicht ungeschehen machen, Ava“, sagte er schließlich. „Und ich werde nicht aufhören, Hockey zu spielen, weil es das Einzige ist, was mich vor dem Wahnsinn bewahrt, den mein Vater zu Hause anrichtet. Aber ich bin nicht mein Sport. Und ich bin erst recht nicht das Bild, das du von mir hast.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte sie skeptisch.

„Gib mir eine Chance“, forderte er. „Kein Hockey. Keine Partys. Nur wir. Ein Abend. Wenn du danach immer noch denkst, dass ich ein arroganter Idiot bin, lasse ich dich in Ruhe. Ich schwöre es.“

Ava wollte „Nein“ sagen. Ihr ganzer Körper schrie danach, wegzulaufen und sich wieder in ihrer sicheren Dunkelheit zu verkriechen. Doch da war etwas in Garretts Augen – eine Einsamkeit, die ihre eigene widerspiegelte.

„Warum tust du das?“, fragte sie leise. „Warum ich?“

Garrett zögerte einen Moment. Dann zuckte er leicht die Achseln. „Weil du die Erste bist, die mich wirklich ansieht, Ava. Nicht den Star, nicht den Graham-Sohn. Du siehst den Fleck auf dem Teppich. Und ich glaube, ich möchte herausfinden, was passiert, wenn man anfängt zu schrubben.“

Ein winziges Lächeln stahl sich auf Avas Lippen, trotz der Schwere ihrer Gefühle. „Du bist unmöglich.“

„Ich nehme das als Ja“, grinste er, und sein altes, charmantes Ich blitzte wieder durch. „Heute Abend. Sieben Uhr. Ich hole dich vor deinem Wohnheim ab. Und zieh keinen Hoodie an, es soll warm werden.“

„Ich trage, was ich will, Graham“, entgegnete sie, doch der Widerstand in ihrer Stimme war geschmolzen.

Als er aufstand und ging, fühlte sich Ava seltsam leicht. Aber diese Leichtigkeit hielt nur so lange an, bis sie wieder allein war. Dann kehrten die Zweifel zurück. Sie sah auf ihre Handgelenke hinunter, die unter dem dicken Stoff verborgen waren. Was würde er sagen, wenn er die Narben sah? Was würde er denken, wenn er wüsste, dass sie nicht nur am Tod ihres Vaters litt, sondern an einer Dunkelheit, die sie manchmal völlig verschlang?

Den Rest des Tages verbrachte sie wie in Trance. Allie platzte am Nachmittag ins Zimmer und quasselte ununterbrochen über irgendeinen Typen, den sie gestern kennengelernt hatte, doch Ava hörte nur halb zu.

„Du bist heute so seltsam ruhig, Av“, bemerkte Allie schließlich und warf sich auf ihr Bett. „Ist was passiert?“

Ava zögerte. „Ich... ich treffe mich heute Abend mit Garrett Graham.“

Allie schreckte hoch, ihre Augen so groß wie Untertassen. „Was?! Der Garrett Graham? Der Gott auf Kufen? Ava! Ich wusste es! Ich wusste, dass da Funken sprühen!“

„Es ist kein Date, Allie“, sagte Ava schnell und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Er will mir nur beweisen, dass er kein Idiot ist. Mehr nicht.“

„Oh ja, sicher“, grinste Allie vielsagend. „Und ich bin die Queen von England. Was ziehst du an? Bitte sag mir, dass du nicht diesen hässlichen grauen Sack anziehst, den du gestern getragen hast.“

„Ich trage einen Pullover, Allie. Es ist kühl draußen.“

„Es sind zweiundzwanzig Grad, Ava! Du wirst einen Hitzschlag bekommen!“

Ava ignorierte den Kommentar und suchte sich ein langärmliges, dünnes Shirt aus dunkelgrünem Stoff aus. Es war eng genug, um ihre Figur zu betonen, aber die Ärmel reichten bis über ihre Knöchel. Es war ihr Schutzpanzer.

Punkt sieben Uhr stand Garrett vor dem Wohnheim. Er hatte seinen Wagen – einen glänzenden schwarzen SUV – direkt vor dem Eingang geparkt. Als er Ava sah, leuchteten seine Augen auf.

„Du siehst toll aus“, sagte er einfach, als sie einstieg.

„Spar dir die Komplimente“, erwiderte sie, konnte aber ein Lächeln nicht ganz unterdrücken. „Wo fahren wir hin?“

„Lass dich überraschen.“

Er fuhr aus dem Campusgelände hinaus und steuerte die Stadtgrenze an. Nach etwa zwanzig Minuten hielt er an einem kleinen, abgelegenen Parkplatz am Rande eines Waldes.

„Ein Wald? Willst du mich umbringen und meine Leiche verscharren?“, fragte Ava trocken.

Garrett lachte. „Nicht heute. Komm mit.“

Er führte sie einen schmalen Pfad entlang, bis sie eine Lichtung erreichten, die über einem See lag. Die Sonne ging gerade unter und tauchte den Himmel in ein spektakuläres Farbenspiel aus Orange, Pink und Violett. Auf einer Decke, die er anscheinend vorher schon dort deponiert hatte, standen ein Picknickkorb und zwei Taschenlampen.

„Kein Hockey, keine Menschenmassen“, sagte er und deutete auf die Decke. „Nur die Aussicht.“

Ava war sprachlos. Es war wunderschön. Sie setzten sich, und für eine Weile genossen sie einfach nur die Stille. Das Wasser des Sees war spiegelglatt, und die Luft roch nach Kiefernnadeln und herannahendem Sommer.

„Warum hast du mir nicht erzählt, dass du so eine romantische Ader hast?“, fragte Ava schließlich und pickte an einer Weintraube herum, die er aus dem Korb geholt hatte.

„Weil das nicht in mein Image passt“, gab er ehrlich zu. „Mein Vater denkt, Romantik ist für Schwächlinge. Er will, dass ich hart bin. Auf dem Eis und im Leben. Aber manchmal... manchmal will ich einfach nur hier sitzen und zusehen, wie die Welt stillsteht.“

Ava sah ihn von der Seite an. Im schwindenden Licht wirkten seine Gesichtszüge weicher. „Du hast wirklich Angst vor ihm, oder?“

Garrett starrte auf den See hinaus. Seine Kiefermuskeln spannten sich an. „Ich habe keine Angst vor seinen Schlägen. Die kenne ich schon. Ich habe Angst davor, dass er recht hat. Dass ich tief im Inneren genau so bin wie er. Dass ich irgendwann ausrasten werde und die Menschen verletze, die mir wichtig sind.“

Er drehte sich zu ihr um, und sein Blick war so intensiv, dass Ava das Gefühl hatte, er könne direkt in ihre Seele sehen. „Deshalb lasse ich niemanden nah an mich ran. Ich will niemanden mit in meinen Abgrund ziehen.“

„Wir haben wohl mehr gemeinsam, als ich dachte“, flüsterte Ava.

Ohne nachzudenken, griff Garrett nach ihrer Hand. Ava zuckte erst zusammen, doch dann ließ sie es zu. Seine Hand war groß und warm, seine Haut leicht rau. Es fühlte sich... richtig an.

Doch als er seinen Daumen sanft über ihren Handrücken gleiten ließ und dabei den Rand ihres Ärmels berührte, versteifte sie sich. Garrett spürte den Widerstand. Er sah auf ihre Hand hinunter und dann zu ihr hoch.

„Ava“, sagte er leise. „Es ist warm. Warum ziehst du die Ärmel nicht hoch?“

„Mir ist kalt“, log sie, doch ihre Stimme zitterte.

„Nein, ist es nicht.“ Er ließ ihre Hand nicht los. „Du versteckst dich. Vorhin in der Bibliothek, gestern auf der Party... du hast immer diese langen Ärmel. Was ist darunter?“

„Nichts, was dich etwas angeht“, zischte sie und versuchte, ihre Hand wegzuziehen, doch er hielt sie fest. Nicht grob, aber bestimmt.

„Ava, bitte. Ich habe dir von meinem Vater erzählt. Ich habe dir meine hässlichste Seite gezeigt. Vertrau mir.“

Tränen schossen ihr in die Augen. Das war der Moment, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte. Der Moment, in dem die Maske fiel.

„Du wirst mich hassen“, flüsterte sie. „Du wirst denken, ich bin verrückt.“

„Niemals“, versprach er.

Mit zitternden Fingern griff Ava nach dem Saum ihres linken Ärmels. Sie sah ihn nicht an, als sie den Stoff langsam nach oben schob. Im fahlen Licht der Dämmerung kamen die Narben zum Vorschein. Dünne, weiße Linien, die sich wie ein trauriges Muster über ihren Unterarm zogen. Manche waren alt, manche wirkten frischer.

Garrett atmete scharf ein. Er ließ ihre Hand nicht los, sondern führte seine Finger ganz vorsichtig zu ihrem Arm. Er berührte die Narben so sanft, als wären sie aus feinstem Glas, das bei der kleinsten Berührung zerbrechen könnte.

Ava schloss die Augen und wartete auf den Abscheu, auf das Mitleid, auf die Flucht. Doch nichts davon kam.

Stattdessen spürte sie etwas Warmes auf ihrer Haut. Als sie die Augen öffnete, sah sie, dass Garrett seinen Kopf gesenkt hatte. Er küsste jede einzelne der Narben. Ganz langsam. Ganz andächtig.

„Das ist nicht verrückt, Ava“, sagte er, als er wieder aufsah. Seine Augen waren feucht. „Das ist Schmerz, der einen Weg nach draußen gesucht hat. Ich kenne diesen Schmerz. Ich habe ihn nur anders kanalisiert.“

Ava schluchzte auf. Die jahrelange Anspannung, die Einsamkeit, die Trauer um ihren Vater – alles brach in diesem Moment aus ihr heraus. Garrett zog sie in seine Arme und hielt sie fest, während sie an seiner Brust weinte. Er wiegte sie hin und her, vergrub sein Gesicht in ihrem schwarzen Haar und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr.

In diesem Moment, auf dieser abgelegenen Lichtung, war Garrett Graham kein Hockey-Star mehr. Er war einfach nur ein Junge, der ein zerbrochenes Mädchen hielt. Und Ava? Ava merkte zum ersten Mal seit Jahren, dass sie nicht mehr allein gegen die Welt kämpfen musste.

„Ich hasse Hockey immer noch“, murmelte sie zwischen zwei Schluchzern in sein Shirt.

Garrett lachte leise, ein Geräusch voller Erleichterung. „Das ist okay, Ava. Ich werde genug für uns beide lieben. Aber dich... dich werde ich noch viel mehr lieben.“

Ava erstarrte kurz bei dem Wort „Liebe“, doch sie stieß ihn nicht weg. Zum ersten Mal seit dem Unfall auf dem Eis fühlte sich die Welt nicht mehr ganz so dunkel an. Vielleicht, dachte sie, während sie sich enger an ihn schmiegte, war das Eis gar nicht so kalt, wenn man jemanden hatte, der einen wärmte.

Doch tief im Hinterkopf wusste sie, dass dies erst der Anfang war. Die Schatten ihrer Väter würden sie nicht so einfach gehen lassen. Und die Briar University war ein Ort, an dem Geheimnisse selten lange geheim blieben. Aber für heute Nacht war nur das Rauschen des Sees zu hören und das gleichmäßige Schlagen von zwei Herzen, die beide wussten, wie es sich anfühlte, Narben zu tragen.