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ICe Breaker

Zwischen Eis und Abgrund

Die Stille nach dem Sturm war fast ohrenbetäubend. Ava lag noch immer in Garretts Armen, ihr Gesicht fest gegen den weichen Stoff seines Pullovers gepresst. Der Geruch nach Waschmittel, Minze und dieser ganz eigenen, maskulinen Note, die nur ihm gehörte, hüllte sie ein wie ein Kokon. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich nicht wie eine wandelnde Zielscheibe. Die Angst, verurteilt zu werden, war einer erschöpften Erleichterung gewichen.

Garrett lockerte seinen Griff ein wenig, nur um ihr Kinn sanft anzuheben, sodass sie ihn ansehen musste. Seine braunen Locken fielen ihm in die Stirn, und in seinem Blick lag eine Zärtlichkeit, die so gar nicht zu dem harten Image des Briar-Kapitäns passte.

„Du musst dich nicht mehr verstecken, Ava“, sagte er leise. „Jedenfalls nicht vor mir.“

Ava schluckte schwer und strich sich eine verirrte schwarze Locke aus dem Gesicht. „Es ist nicht so einfach, Garrett. Diese Narben... sie sind wie eine Landkarte von allem, was schiefgelaufen ist. Mein Vater, die Einsamkeit, der Druck an dieser Uni. Ich habe das Gefühl, wenn ich die Ärmel hochkremple, sieht jeder nur das Kaputte.“

Garrett nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich sehe nicht das Kaputte. Ich sehe jemanden, der überlebt hat. Weißt du, auf dem Eis kriegen wir ständig Narben. Wir tragen sie wie Trophäen, weil sie zeigen, dass wir gekämpft haben. Deine Narben sind nicht anders. Du hast nur auf einem anderen Schlachtfeld gekämpft.“

Ein schwaches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Du und deine Hockey-Metaphern. Du kannst es einfach nicht lassen, oder?“

„Schuldig im Sinne der Anklage“, grinste er, doch sein Gesicht wurde schnell wieder ernst. „Aber ich meine es so. Ich werde nicht zulassen, dass du das allein durchstehst. Allie ist eine tolle Freundin, aber sie sieht nur das Glitzern. Ich sehe den Schatten, Ava. Weil ich ihn selbst kenne.“

Sie saßen noch lange dort oben, während die Sterne über dem See aufgingen. Garrett erzählte ihr Dinge, die er noch nie jemandem anvertraut hatte – von den Nächten, in denen er als Kind im Bett lag und darauf wartete, dass die Haustür ins Schloss fiel und er am Klang der Schritte erkennen konnte, ob sein Vater betrunken und wütend war oder nur betrunken. Er erzählte ihr von der Last, den Namen Graham zu tragen, und von der panischen Angst, dass das Erbgut seines Vaters wie eine tickende Zeitbombe in seinem Blut lauerte.

„Manchmal, wenn ich auf dem Eis stehe und mich jemand checkt, spüre ich diese blinde Wut“, gestand er und starrte ins Dunkle. „Und in diesem Moment hasse ich mich selbst am meisten, weil ich mich genau wie er fühle. Ich will nicht dieser Mann sein, Ava. Ich will niemanden verletzen.“

Ava drückte seine Hand. „Du bist nicht er, Garrett. Die Tatsache, dass du dir Sorgen darüber machst, beweist es schon. Ein Monster fragt sich nicht, ob es ein Monster ist.“

Als er sie schließlich vor ihrem Wohnheim absetzte, fühlte sich der Abschied schwer an. Die Realität der Briar University wartete hinter den Glastüren auf sie, und mit ihr all die Vorurteile und Masken, die sie am nächsten Tag wieder aufsetzen mussten.

„Morgen um zehn in der Cafeteria?“, fragte Garrett, während er den Motor laufen ließ.

Ava zögerte. „Garrett... die Leute werden reden. Wenn der Star des Hockey-Teams mit dem Mädchen gesehen wird, das normalerweise versucht, in den Wänden zu verschwinden...“

„Sollen sie doch reden“, unterbrach er sie sanft. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, darauf zu achten, was die Leute über mich denken. Damit ist jetzt Schluss. Ich will dich sehen. Offiziell.“

Ava nickte langsam. „Okay. Morgen um zehn.“

Doch der nächste Morgen brachte nicht die Idylle, die sie sich erhofft hatte. Als Ava die Cafeteria betrat, war die Atmosphäre seltsam aufgeladen. Grüppchen von Studenten steckten die Köpfe zusammen, und als sie vorbeiging, verstummten die Gespräche abrupt. Sie fühlte sich augenblicklich wieder wie das Tier im Scheinwerferlicht.

Sie fand Allie an ihrem üblichen Tisch, doch ihre beste Freundin sah nicht so fröhlich aus wie sonst. Sie starrte auf ihr Handy und biss sich auf die Unterlippe.

„Allie? Was ist los?“, fragte Ava und ließ sich auf den Stuhl sinken.

Allie sah auf, und in ihren Augen lag echtes Mitleid. „Ava... oh Gott, es tut mir so leid. Jemand hat gestern Abend Fotos gemacht. Am See.“

Avas Herz setzte einen Schlag aus. „Was für Fotos?“

Allie schob ihr das Handy hinüber. Es war die berüchtigte „Briar Gossip“-Seite auf Instagram. Das Bild war unscharf, aber man erkannte Garrett und Ava auf der Decke. Das Schlimmste jedoch war der Zoom auf Avas entblößten Arm. Die Narben waren im Blitzlicht der Kamera deutlich zu sehen gewesen, obwohl sie es im Dunkeln nicht bemerkt hatte.

Die Bildunterschrift lautete: *„Hat sich unser Goldjunge Garrett Graham ein neues Projekt gesucht? Oder steht er jetzt auf die kaputten Mädchen mit der düsteren Vergangenheit? Wer ist die mysteriöse Emo-Braut an seiner Seite? #BriarSecrets #HockeyKing #BrokenBeauty“*

Ava fühlte, wie ihr die Luft wegblieb. Die Welt um sie herum begann zu kreiseln. All die Jahre, in denen sie ihre Geheimnisse geschützt hatte, all die Vorsicht – zerstört durch einen einzigen Moment der Schwäche.

„Ich muss hier weg“, flüsterte sie.

„Ava, warte!“, rief Allie, doch Ava war bereits aufgesprungen.

Sie rannte durch die Gänge, die Tränen brannten in ihren Augen. Sie hörte das Getuschel, sah die mitleidigen oder angewiderten Blicke der anderen Studenten. In ihrem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: *Er wird mich jetzt hassen. Er wird denken, ich habe Schande über seinen Ruf gebracht.*

Sie flüchtete in den Kunsttrakt, in das kleine Atelier im Keller, das um diese Zeit meist leer war. Dort brach sie zusammen. Sie kauerte sich in eine Ecke hinter ein paar Leinwände und vergrub das Gesicht in den Knien. Der Schmerz in ihrer Brust war so stark, dass sie kaum atmen konnte.

„Ava!“

Die Tür flog auf. Schwere Schritte näherten sich. Sie wusste, dass es Garrett war. Niemand sonst bewegte sich mit dieser Mischung aus Wucht und Zielstrebigkeit.

„Geh weg, Garrett“, schluchzte sie. „Bitte, geh einfach weg.“

Er ignorierte sie und ließ sich direkt neben ihr auf den Boden sinken. Er versuchte nicht, sie zu berühren, sondern saß einfach nur da, seinen Atem schwer gehend.

„Hast du es gesehen?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.

„Ja, ich habe es gesehen“, antwortete er rau. „Und ich habe dem Typen, von dem ich glaube, dass er es gepostet hat, fast das Nasenbein gebrochen, bevor Coach mich weggezerrt hat.“

Ava sah auf. „Du hast was getan?“

Garrett sah sie an, und seine Augen funkelten vor Zorn – nicht auf sie, sondern auf die Welt. „Niemand hat das Recht, dich so darzustellen. Niemand hat das Recht, deine Geschichte zu erzählen, ohne sie zu kennen.“

„Aber jetzt wissen es alle“, sagte sie verzweifelt. „Sie wissen, dass ich... dass ich nicht normal bin. Und sie bringen dich damit in Verbindung. Dein Vater wird ausrasten, Garrett. Er will, dass du mit den perfekten Cheerleadern ausgehst, nicht mit jemandem wie mir.“

Garrett lachte bitter. „Mein Vater kann zur Hölle fahren. Er hat mir heute Morgen schon eine Nachricht geschrieben. Er meinte, ich solle meinen Ruf nicht mit ‚Abfall‘ ruinieren.“

Ava zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen.

„Aber weißt du, was ich gemacht habe?“, fuhr Garrett fort und rückte näher. „Ich habe ihm zum ersten Mal in meinem Leben die Meinung gesagt. Ich habe ihm gesagt, dass die Frau, die er als Abfall bezeichnet, mehr Mut in ihrem kleinen Finger hat als er in seinem ganzen aufgeblasenen Körper.“

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände. „Ava, hör mir zu. Es ist mir egal, was die Uni denkt. Es ist mir egal, was die NHL-Scouts denken. Das Einzige, was zählt, ist, wie du dich fühlst. Wir können hier verschwinden, wenn du willst. Ich fahre dich überall hin.“

„Ich kann nicht ewig weglaufen“, sagte sie leise. „Das habe ich jahrelang getan. Ich habe mich hinter weiten Klamotten und Schweigen versteckt.“

„Dann hör auf damit“, forderte er sie sanft auf. „Lass uns ihnen zeigen, dass sie uns nicht brechen können. Diese Leute labern nur, weil ihr eigenes Leben langweilig ist. Sie haben keine Ahnung von echter Stärke.“

In diesem Moment wurde Ava etwas klar. Die Angst war noch da, ja. Aber da war noch etwas anderes. Ein kleiner Funke Trotz, der in ihrem Inneren aufflammte. Garrett Graham, der Junge, den sie so sehr gehasst hatte, weil er alles verkörperte, was sie verloren hatte, war der Einzige, der bereit war, für sie in den Krieg zu ziehen.

„Warum tust du das alles?“, fragte sie erneut, genau wie am Abend zuvor.

Garrett lächelte, und dieses Mal war es ein echtes, warmes Lächeln. „Weil ich mich verliebt habe, Ava. In das Mädchen, das mich im Ethik-Kurs fast mit Blicken erdolcht hat. In das Mädchen, das keine Angst hat, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Ich liebe dich nicht trotz deiner Narben. Ich liebe dich mit ihnen. Sie gehören zu dir.“

Ava spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. „Verliebt? Garrett, wir kennen uns kaum.“

„Manchmal braucht es keine Jahre“, sagte er und legte seine Stirn gegen ihre. „Manchmal reicht ein Moment, in dem man erkennt, dass die andere Person die gleiche Dunkelheit in sich trägt. Und dass man zusammen vielleicht ein bisschen Licht machen kann.“

Ava schloss die Augen. „Ich habe Angst, Garrett. Ich habe solche Angst, mich zu verlieren.“

„Du wirst dich nicht verlieren“, versprach er. „Ich halte dich fest.“

Er beugte sich vor und küsste sie. Es war kein fordernder Kuss wie auf den Partys, von denen Allie immer erzählte. Er war vorsichtig, fragend, fast ehrfürchtig. Er schmeckte nach Hoffnung und nach dem Versprechen, dass alles gut werden könnte.

Als sie sich voneinander lösten, atmete Ava tief durch. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und richtete ihren Pullover.

„Okay“, sagte sie fest.

„Okay?“, fragte Garrett überrascht.

„Wir gehen da jetzt raus. Gemeinsam. Und wenn jemand glotzt, dann soll er glotzen. Ich werde mich nicht mehr verstecken.“

Garrett strahlte. Er stand auf und reichte ihr die Hand, um ihr hochzuhelfen. „Das ist meine Ava.“

Sie verließen das Atelier Hand in Hand. Als sie durch die Gänge der Briar University gingen, war das Getuschel lauter als je zuvor, doch Ava hielt den Kopf hoch. Sie spürte Garretts festen Griff, und es fühlte sich an wie ein Anker in stürmischer See.

Doch als sie die große Halle erreichten, blieb Garrett plötzlich stehen. Sein Gesicht wurde bleich, und sein Griff um ihre Hand verkrampfte sich.

Am Ende des Ganges, direkt vor dem Büro des Sportdirektors, stand ein Mann. Er war groß, trug einen teuren Anzug und hatte das gleiche markante Kinn wie Garrett. Doch seine Augen waren kalt wie Eis, und die Art, wie er die Menschen um sich herum ansah, war voller Verachtung.

Phil Graham.

Er hatte seinen Blick fest auf Garrett und Ava gerichtet. Als er ihre verschränkten Hände sah, zuckte ein Muskel in seinem Kiefer. Er stieß sich von der Wand ab und ging mit langsamen, bedrohlichen Schritten auf sie zu.

„Garrett“, sagte er, und seine Stimme war wie ein Peitschenhieb. „Wir müssen reden. Jetzt.“

Ava spürte, wie Garrett neben ihr zitterte – nicht vor Angst, sondern vor unterdrückter Wut. Sie drückte seine Hand, um ihm zu zeigen, dass sie da war.

„Ich habe dir alles gesagt, was es zu sagen gibt, Dad“, antwortete Garrett mit fester Stimme, auch wenn man den Kampf in seinem Inneren spüren konnte.

Phil Graham blieb direkt vor ihnen stehen. Er ignorierte Garrett und sah Ava direkt in die Augen. Sein Blick wanderte herablassend an ihr herunter, blieb kurz an ihrem Ärmel hängen, als wüsste er genau, was sich darunter verbarg.

„Du bist also das kleine Ding, das meinen Sohn vom Weg abbringt“, sagte er mit einer Stimme, die vor Abscheu troff. „Ich habe von deinem Vater gehört. Ein tragischer Unfall. Aber man sagt ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Instabil. Kaputt.“

„Sagen Sie das nicht noch einmal“, zischte Garrett, und er trat einen Schritt vor Ava, als wollte er sie vor den Worten seines Vaters schützen.

„Oder was?“, provozierte Phil ihn. „Willst du mich schlagen, Garrett? Willst du zeigen, dass du doch mein Sohn bist? Dass du die gleiche Gewalt in dir hast?“

Die Luft in der Halle war zum Zerreißen gespannt. Studenten blieben stehen, beobachteten die Szene aus sicherer Entfernung. Ava sah den Schmerz in Garretts Augen, die Verzweiflung darüber, dass sein Vater genau den Punkt traf, vor dem er am meisten Angst hatte.

In diesem Moment tat Ava etwas, das sie selbst überraschte. Sie trat neben Garrett und sah Phil Graham direkt in die Augen.

„Sie wissen nichts über Stabilität, Mr. Graham“, sagte sie mit einer Ruhe, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte. „Sie denken, Stärke bedeutet, andere klein zu machen. Aber echte Stärke bedeutet, wieder aufzustehen, wenn man am Boden liegt. Garrett hat mehr Stärke bewiesen, indem er sich gegen Sie gestellt hat, als Sie in Ihrer gesamten Karriere auf dem Eis.“

Phil Graham starrte sie an, als wäre sie ein Insekt, das gerade gesprochen hatte. Ein hämisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Hübsche Worte für jemanden, der sich selbst die Haut aufschneidet, weil er mit dem Leben nicht klarkommt.“

Ein kollektives Keuchen ging durch die Umstehenden. Garretts Hand ballte sich zur Faust, und für einen Moment sah es so aus, als würde er wirklich zuschlagen.

Doch Ava legte ihre Hand auf seinen Arm. „Lass es, Garrett. Er ist es nicht wert.“

Sie sah Phil Graham noch einmal an. „Sie haben vielleicht seinen Namen, aber Sie werden niemals sein Herz besitzen. Und das ist der Grund, warum Sie am Ende allein sein werden. Auf Ihrem Thron aus Eis.“

Damit drehte sie sich um und zog Garrett mit sich weg. Sie ließen Phil Graham mitten in der Halle stehen, während das Getuschel der Studenten nun ihm galt.

Als sie draußen auf den Stufen des Campus standen, atmete Garrett tief ein. Er sah Ava an, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Bewunderung und Unglauben.

„Du hast ihm die Stirn geboten“, flüsterte er. „Niemand bietet Phil Graham die Stirn.“

„Er ist nur ein Mann, Garrett“, sagte Ava und spürte, wie eine unglaubliche Last von ihren Schultern fiel. „Ein trauriger, einsamer Mann. Er kann uns nichts anhaben, solange wir es nicht zulassen.“

Garrett zog sie in seine Arme und wirbelte sie ein Stück herum. Zum ersten Mal seit sie ihn kannte, klang sein Lachen frei von Sorgen. „Ich liebe dich, Ava. Ich liebe dich so verdammt sehr.“

„Ich weiß“, lächelte sie und zog seinen Kopf zu sich herab. „Und ich glaube... ich fange auch an, dich zu lieben. Trotz des Hockeys.“

„Hey!“, rief er gespielt beleidigt. „Mein Spiel ist legendär!“

„Das werden wir ja sehen“, neckte sie ihn. „Vielleicht komme ich zum nächsten Spiel. Aber nur, wenn du mir versprichst, dass du vorsichtig bist.“

„Für dich tue ich alles“, versprach er und küsste sie mitten auf dem Campus der Briar University, während die Sonne durch die Wolken brach.

Die Narben waren noch da. Die Schatten der Vergangenheit würden nicht über Nacht verschwinden. Aber in diesem Moment, zwischen dem Eis und dem Abgrund, hatten sie ihren eigenen Weg gefunden. Und zum ersten Mal seit dem Tag, an dem die Welt für Ava rot geworden war, sah die Zukunft wieder bunt aus.