Breaking ice
Bruchlinien
Die Nacht hatte Zähne. Garrett spürte sie, als er ziellos durch die verlassenen Wege des Campus stolperte. Jeder Windstoß war ein eisiger Biss, der durch seinen dünnen Pullover drang und sich in seinen Knochen festsetzte. Aber die Kälte kam nicht von außen. Sie kroch aus seinem Inneren, eine seelenfressende Leere, die dort entstanden war, wo noch vor wenigen Stunden ein zartes, warmes Gefühl von Hoffnung gewachsen war.
*»Am Ende ist man immer allein.«*
Iverys Worte waren ein Echo, das von den dunklen Backsteingebäuden zurückgeworfen wurde. Sie hatten sich in sein Gehirn eingebrannt, hatten die letzten Reste seines Mutes ausgelöscht. Er war nicht nur am Boden, er war unter der Erde. Begraben unter dem Gewicht der Lügen seines Vaters, der Drohung des Trainers und, am allerschlimmsten, der schmerzhaften Wahrheit in Iverys Augen.
Er hatte sie zerbrochen. Er, der sie bewundern wollte, der von ihrer Stärke zehren wollte, hatte sie mit der bloßen Berührung seiner kaputten Welt in Stücke gerissen. Er hatte die Dämonen gesehen, die er in ihr geweckt hatte – dieselben Dämonen, vor denen sie ein Jahrzehnt lang geflohen war. Und er war derjenige gewesen, der sie direkt in deren Arme getrieben hatte. Der Schmerz darüber war eine schärfere, grausamere Folter als alles, was sein Vater ihm je angetan hatte.
Sein Weg führte ihn mechanisch in Richtung der Studentenbars am Rande des Campus. Ein Ort, den er normalerweise mied, wenn er nicht mit dem Team unterwegs war. Zu laut, zu viele erwartungsvolle Blicke. Heute sehnte er sich danach. Er wollte in der anonymen Kakophonie untertauchen, wollte den Schmerz mit billigem Whiskey betäuben, bis er nichts mehr fühlte.
Die erste Bar war zu hell, zu fröhlich. Die zweite war ein düsteres Loch namens »The Tap«, das nach verschüttetem Bier und Verzweiflung roch. Perfekt. Er ließ sich auf einen wackeligen Barhocker am hinteren Ende des Tresens fallen und bestellte einen doppelten Whiskey. Ohne Eis.
Der erste Schluck brannte in seiner Kehle, ein willkommener, physischer Schmerz, der den emotionalen für einen kurzen Moment überdeckte. Er bestellte noch einen, bevor der erste leer war. Das Bild von Iverys verweintem Gesicht, als sie die Tür schloss, flackerte vor seinen Augen. Das Klicken des Schlosses. Ein endgültiger Klang.
Er war beim dritten Glas, als sich jemand neben ihn auf den Hocker fallen ließ.
»Ich wusste, dass ich dich hier finde.«
Logans Stimme. Garrett starrte weiter in sein Glas. »Verschwinde.«
»Nein.« Die Antwort kam ohne Zögern. »Allie hat mich angerufen. Sie war völlig aufgelöst. Sagte, du wärst bei ihnen gewesen und dann wie ein Geist verschwunden, und Ivery hat sich eingeschlossen. Also, zum Teufel nochmal, was ist passiert?«
Garrett nahm einen großen Schluck. »Geht dich nichts an.«
Logan seufzte und winkte dem Barkeeper zu. »Einen Whiskey für mich. Und einen für ihn. Schreib alles auf meine Rechnung.« Er drehte sich zu Garrett, sein Gesicht im schummrigen Licht der Bar war ernst. »Hör zu, G. Ich bin dein bester Freund. Ich hab dich durch beschissene Trennungen, verlorene Spiele und Kater begleitet, die einen Elefanten umgehauen hätten. Aber so habe ich dich noch nie gesehen. Du siehst aus, als wärst du gestorben und niemand hat dir die Nachricht überbracht.«
Die rohe Ehrlichkeit in Logans Worten durchbrach die dicke Schicht aus Selbstmitleid. Garrett lachte, ein heiseres, totes Geräusch. »Guter Vergleich. Fühlt sich so an.«
»Dann rede mit mir«, drängte Logan. »Was hat dieser Bastard getan?«
Und Garrett redete. Er ließ alles raus. Die Worte stolperten aus ihm heraus, unzusammenhängend, getränkt in Alkohol und Verzweiflung. Er erzählte von der Nachricht des Trainers, dem Gespräch im Büro, den Lügen seines Vaters, dem Ultimatum. Und dann, mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Krächzen war, erzählte er von Ivery. Von ihrem Entsetzen, ihrer Panik, ihren Worten. Von der Tür, die sie zwischen ihnen geschlossen hatte.
Als er geendet hatte, war die Stille am Tresen absolut. Logan starrte ihn nur an, sein eigenes Glas unberührt in seiner Hand. Er sah nicht mitleidig aus. Er sah wütend aus. Eine kalte, kontrollierte Wut blitzte in seinen Augen.
»Dieser verdammte Hurensohn«, sagte Logan leise, aber mit einer solchen Intensität, dass der Barkeeper nervös zu ihnen herübersah. »Er droht dir damit, dich auf die Bank zu setzen? Nachdem er den Coach mit seinen Lügen gefüttert hat?«
Garrett nickte nur und leerte sein Glas.
»Und Ivery…«, fuhr Logan fort und schüttelte den Kopf. »Scheiße. Das erklärt einiges. Ich wusste, dass sie irgendwas mit Hockey hatte, aber… so schlimm?« Er rieb sich das Gesicht. »Okay. Das ist eine beschissene Situation. Eine absolute, erstklassige Scheiß-Situation.«
»Sag bloß«, murmelte Garrett und winkte nach einem weiteren Drink.
Logan legte seine Hand auf Garretts Arm und hielt ihn auf. »Nein. Schluss damit. Das hilft nicht.«
»Was hilft dann?«, fragte Garrett aggressiv. »Soll ich nach Hause fahren, auf die Knie fallen und um Verzeihung flehen, damit ich wieder spielen darf? Damit ich wieder sein verdammter kleiner Soldat sein kann?«
»Fick ihn«, sagte Logan mit Nachdruck. »Und fick das. Du fährst nirgendwohin.«
»Er setzt mich auf die Bank, Logan!«, schrie Garrett fast, und mehrere Köpfe drehten sich zu ihnen um. »Verstehst du das nicht? Er nimmt mir das Spiel!«
»Dann soll er!«, erwiderte Logan mit der gleichen Lautstärke, und die Leute wandten sich wieder ab. »Dann soll der verdammte Coach dich auf die Bank setzen. Dann sitzt du da eben, ein ganzes Spiel lang. Oder zwei. Und du siehst ihm dabei in die Augen. Du lässt ihn wissen, dass er dich nicht brechen kann. Du zeigst ihm, dass du auch ohne sein Geld, ohne seine verdammte Erlaubnis noch atmest.«
Garrett starrte ihn an. Die Idee war so radikal, so selbstzerstörerisch, dass sie ihn für einen Moment aus seiner Verzweiflung riss. »Das ist Wahnsinn. Das würde meine Karriere beenden.«
»Nein, würde es nicht«, widersprach Logan. »Du bist der beste Spieler in dieser Liga. Glaubst du ernsthaft, Davies lässt dich die ganze Saison auf der Bank schmoren, nur weil Phil Graham einen Wutanfall hat? Er riskiert damit die Meisterschaft. Er blufft, G. Und dein Vater auch. Sie setzen darauf, dass du Angst hast. Du musst ihnen nur zeigen, dass du keine mehr hast.«
»Aber ich habe Angst«, flüsterte Garrett.
»Ich weiß«, sagte Logan, seine Stimme wurde sanfter. »Aber du bist nicht allein damit. Ich stehe hinter dir. Das Team steht hinter dir. Sie verehren dich, Mann. Wenn der Coach dich ohne Grund auf die Bank setzt, wird es einen Aufstand geben. Vertrau mir.« Er schob Garretts Glas beiseite. »Komm jetzt. Du bist betrunken und am Boden zerstört. Du gehst jetzt in dein Bett. Und morgen früh, wenn du einen Kater hast und die Welt immer noch scheiße aussieht, schmieden wir einen neuen Plan.«
»Es gibt keinen Plan mehr«, sagte Garrett müde. »Der Plan ist in ihrem Zimmer gestorben.«
Logan seufzte. »Sie ist auch nur ein Mensch, Garrett. Sie ist offensichtlich durch die Hölle gegangen. Du hast sie an ihrem wunden Punkt getroffen, ohne es zu wollen. Gib ihr Zeit. Aber verlass dich nicht darauf, dass sie dich rettet. Das musst du schon selbst tun. Wir helfen dir dabei.« Er stand auf und zog Garrett mit sich hoch. »Komm schon, Captain. Aufstehen.«
Garrett ließ es geschehen. Er war zu erschöpft, um zu widersprechen. Als sie die Bar verließen, stützte Logan ihn leicht. Die kalte Nachtluft war immer noch beißend, aber sie fühlte sich nicht mehr ganz so feindselig an. Es war immer noch eine kalte, dunkle Nacht. Aber er ging nicht mehr allein durch sie hindurch.
***
Die Tür war eine unüberwindbare Barriere. Dahinter herrschte eine Stille, die lauter war als jeder Schrei. Allie saß auf dem kleinen Sofa im Wohnzimmer und starrte auf das weiße Holz, als könnte sie durch bloße Willenskraft hindurchsehen. Es war fast eine Stunde her, seit Garrett gegangen war. Eine Stunde, seit Ivery in ihrem Zimmer verschwunden war und die Welt ausgesperrt hatte.
Zuerst hatte Allie ihr Raum geben wollen. Sie hatte die unausgesprochene Spannung gespürt, die von Garrett ausgegangen war, hatte den Schmerz in seinem Gesicht gesehen. Aber die Stille wurde unheimlich. Es gab kein leises Weinen, kein Geräusch von Bewegung. Nur diese absolute, erdrückende Stille.
»Ivery?«, rief sie leise. »Alles okay da drin?«
Keine Antwort.
Allie stand auf und ging zur Tür. Sie legte ihr Ohr an das Holz. Nichts.
»Ivery, rede mit mir. Du machst mir Angst.« Ihre Stimme zitterte leicht. »Wenn du nicht antwortest, hole ich den Hausmeister. Ich schwöre es.«
Immer noch nichts. Panik begann, kalt und klebrig in Allies Brust hochzukriechen. Sie kannte Ivery als tough, sarkastisch, verschlossen. Aber sie hatte sie noch nie so erlebt. Das war nicht nur schlechte Laune. Das war etwas anderes. Etwas Dunkles.
»Okay, das reicht«, sagte Allie mit einer Entschlossenheit, die sie nicht fühlte. »Ich zähle bis drei. Wenn du die Tür dann nicht aufmachst, trete ich sie ein. Ich meine es ernst. Eins…«
Sie wusste, dass sie die Tür niemals eintreten könnte, aber die Drohung musste reichen.
»Zwei…«
Ein leises Klicken. Das Schloss wurde umgedreht. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit.
Allie stieß den Atem aus, den sie angehalten hatte, und schob die Tür vorsichtig ganz auf.
Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ivery saß auf dem Boden, den Rücken gegen die Wand gelehnt, die Knie an die Brust gezogen. Sie schaukelte leicht vor und zurück, eine kaum wahrnehmbare Bewegung. Ihre Augen waren weit aufgerissen und starrten ins Leere, ihr Gesicht war blass und ausdruckslos. Sie war da, aber auch nicht. Es war, als wäre ihre Seele aus ihrem Körper geflohen und hätte nur eine leere Hülle zurückgelassen.
»Oh mein Gott, Ivy«, flüsterte Allie und ließ sich vor ihr auf die Knie fallen. Sie streckte die Hand aus, um sie zu berühren, zögerte aber. »Was ist los? Rede mit mir.«
Iverys Blick wanderte langsam zu Allie, aber es war keine wirkliche Wahrnehmung darin. »Sie nehmen ihm alles weg«, flüsterte sie, ihre Stimme war ein dünner, brüchiger Faden. »Zuerst das Geld. Dann das Spiel. Dann…« Sie schluckte. »Sie lassen nichts übrig.«
»Wer nimmt ihm was weg?«, fragte Allie sanft und versuchte, dem Gespräch zu folgen. »Redest du von Garrett? Von seinem Vater?«
Ivery nickte kaum merklich. »Er hat ihn auf die Bank gesetzt. Der Coach. Er hat es getan.«
»Was?«, fragte Allie verwirrt. »Was hat er getan? Garrett ist doch gerade erst gegangen.«
Ivery blinzelte, als käme sie aus einer tiefen Trance. »Er wird es tun«, korrigierte sie sich. »Er hat es ihm gedroht. Und er wird es tun. Sie tun es immer.«
Allie verstand immer noch nicht alles, aber sie verstand, dass Ivery in einer Spirale aus Angst und schrecklichen Vorahnungen gefangen war. »Okay, hör zu«, sagte sie und nahm Iverys kalte Hände in ihre. »Selbst wenn. Das ist Garretts Kampf. Das ist nicht deiner.«
»Doch!«, sagte Ivery und riss ihre Hände los. Die Leblosigkeit war aus ihren Augen gewichen, ersetzt durch einen fiebrigen, verzweifelten Glanz. »Ich habe ihn dazu getrieben! Ich habe gesagt, er soll sich wehren! Ich habe ihm gesagt, wir werfen das Brett um! Und jetzt verliert er alles, weil er auf mich gehört hat!«
Die Schuld in ihrer Stimme war so roh, so tief, dass es Allie körperlich schmerzte, sie zu hören.
»Das ist nicht deine Schuld«, sagte Allie bestimmt. »Du hast versucht, ihm zu helfen. Du hast ihm gezeigt, dass er eine Wahl hat.«
»Eine Wahl zwischen Pest und Cholera!«, schrie Ivery und Tränen schossen ihr in die Augen. »Zwischen Unterwerfung und Zerstörung! Das ist keine Wahl, Allie! Das ist eine Falle!« Sie sprang auf und begann, im kleinen Zimmer auf und ab zu gehen wie ein Tier im Käfig. »Ich hätte es wissen müssen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Diesem Sport ist es egal, ob du ein guter Mensch bist. Er kaut dich durch und spuckt dich aus, wenn du nicht mehr funktionierst.«
»Was hast du gesehen, Ivery?«, fragte Allie leise. »Bitte. Ich will es verstehen. Aber ich kann nicht, wenn du mich nicht lässt.«
Ivery blieb stehen. Ihr ganzer Körper zitterte. Sie starrte Allie an, und in ihrem Blick lag ein Kampf. Der Kampf zwischen dem jahrzehntelangen Instinkt, alles für sich zu behalten, und dem plötzlichen, überwältigenden Bedürfnis, die Last nicht mehr allein tragen zu müssen.
»Mein Vater«, sagte sie, und das Wort kam ihr nur mühsam über die Lippen. »Mein Vater war Eishockeyspieler. Ein Profi.«
Allie hielt den Atem an. Das war die eine Information, die Ivery immer vermieden hatte.
»Er war gut«, fuhr Ivery mit matter Stimme fort, als würde sie eine alte Geschichte erzählen, die sie schon tausendmal gehört hatte. »Wirklich gut. Aber er war nicht der Beste. Der Druck war enorm. Immer die nächste Verletzung, immer ein jüngerer Spieler, der seinen Platz wollte. Er hat angefangen zu trinken. Zuerst nur nach den Spielen. Dann auch davor. Er hat Schmerzmittel genommen wie Bonbons. Die Trainer wussten es. Alle wussten es. Aber solange er Tore schoss, war es ihnen egal.«
Sie setzte sich auf ihre Bettkante, ihre Energie war verbraucht. »Er hat sich verändert. Der Mann, der mir das Fahrradfahren beigebracht hat, war weg. Er war nur noch wütend. Wütend auf das Spiel, wütend auf sich selbst. Und dann kam der Unfall.« Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. »Es war kein normaler Unfall. Es war nicht nur Pech. Er war langsam. Seine Reflexe waren getrübt. Von den Pillen, vom Alkohol. Er hätte diesem Schlittschuh ausweichen können. Aber er hat es nicht.«
Sie hob den Blick und sah Allie direkt an. »Sie haben ihn nicht umgebracht, Allie«, sagte sie mit einer schrecklichen Klarheit. »Sie haben ihn nur so kaputt gemacht, dass er sich nicht mehr selbst retten konnte. Und als er tot war, haben sie eine große Show abgezogen, sein Trikot unter die Hallendecke gehängt und dann den nächsten Spieler aufs Eis geschickt. Das Geschäft ging weiter.« Sie machte eine Pause. »Und ich sehe jetzt Garrett an, und alles, was ich sehe, ist mein Vater. Ich sehe denselben Druck, dieselbe toxische Vaterfigur, dieselbe Gefahr, dass das Spiel ihm alles nimmt. Und ich stehe daneben und sehe zu. Wieder. Nur dass ich es diesmal noch schlimmer gemacht habe.«
Allie war sprachlos. Sie hatte gewusst, dass Iverys Vergangenheit schmerzhaft war. Aber das… das war eine Tragödie von shakespeareschem Ausmaß. Sie verstand jetzt alles. Den Hass auf den Sport. Die Narben, die nun einen noch schrecklicheren Kontext bekamen. Die panische Reaktion auf Garretts Situation.
Sie stand langsam auf, ging zu Ivery und schlang ihre Arme um sie. Ivery war zuerst steif wie ein Brett, dann, nach einem langen, zitternden Moment, zerfiel sie. Sie klammerte sich an Allie und begann zu weinen. Es war kein leises Weinen. Es war ein herzzerreißendes, hemmungsloses Schluchzen, der Klang von zehn Jahren aufgestautem Schmerz, der endlich einen Ausweg fand.
Allie hielt sie einfach nur fest, strich ihr über den Rücken und flüsterte immer wieder dieselben Worte: »Es ist nicht deine Schuld. Du bist nicht schuld. Es tut mir so leid, Ivy. Es tut mir so leid.«
Sie saßen lange so da, bis Iverys Schluchzen zu einem leisen Wimmern und schließlich zu erschöpfter Stille wurde.
»Er ist nicht dein Vater«, sagte Allie schließlich leise in die Stille hinein.
Ivery rührte sich in ihren Armen. »Was?«
»Garrett«, sagte Allie und sah sie an. »Er ist nicht dein Vater. Und du bist nicht seine Retterin oder seine Zerstörerin. Du bist ein Mädchen, das sich in einen Jungen verliebt hat, der eine beschissene Zeit durchmacht.«
»Ich bin nicht verliebt in ihn«, protestierte Ivery schwach.
Allie lächelte traurig. »Doch, bist du. Deshalb tut es ja so weh. Du hast Angst um ihn. Das ist normal. Aber du darfst nicht zulassen, dass die Vergangenheit dir die Gegenwart stiehlt. Du hast Garrett heute weggestoßen, als er dich am meisten gebraucht hat. Nicht, weil du ihn hasst, sondern weil du ihn zu sehr magst.«
Ivery schloss die Augen. Die Wahrheit in Allies Worten war schmerzhaft und klar. Sie hatte ihn nicht verlassen, weil sie es nicht ertragen konnte, ihn leiden zu sehen. Sie hatte ihn verlassen, weil sie es nicht ertragen konnte, ihn zu verlieren. Genau wie sie ihren Vater verloren hatte.
»Was soll ich jetzt tun?«, flüsterte sie.
»Jetzt?«, sagte Allie. »Jetzt atmest du erst mal. Dann trinkst du ein Glas Wasser. Und dann schläfst du. Und morgen… morgen entscheidest du, ob du stark genug bist, für ihn zu kämpfen, anstatt vor dem Geist deines Vaters wegzulaufen.«
Sie half Ivery, sich ins Bett zu legen, und deckte sie zu, als wäre sie ein kleines Kind. Ivery war zu erschöpft, um zu widersprechen. Sie schloss die Augen, aber der Schlaf kam nicht. Sie sah Garretts Gesicht vor sich, den Ausdruck von Schock und Verlassenheit, als sie die Tür schloss. *»Lass mich nicht allein damit.«*
Sie hatte ihn allein gelassen. Sie war vor ihrer eigenen Angst geflohen und hatte ihn im Auge des Sturms zurückgelassen.
Allie hatte recht. Sie war nicht schuld am Tod ihres Vaters. Aber sie war schuld daran, Garrett heute im Stich gelassen zu haben. Und diese Schuld fühlte sich frisch und real an, eine schwere, kalte Last auf ihrer Brust. Sie wusste nicht, ob sie stark genug war, um zu kämpfen. Aber sie wusste, dass sie nicht stark genug war, um sich noch länger zu verstecken. Die Bruchlinien, die durch ihr Leben liefen, waren offen zutage getreten. Und sie konnte sie nicht länger ignorieren. Sie musste lernen, auf dem zerbrochenen Boden zu stehen.