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Breaking ice

Zwischen den Dritteln

Der Morgen danach war keine Erlösung. Es war ein Zustand. Ein graues, dumpfes Vakuum, in dem der Schmerz der vergangenen Nacht nicht verblasst, sondern nur seine Form geändert hatte. Ivery lag wach in ihrem Bett und starrte die rissige Decke an, während Allies gleichmäßige Atemzüge den einzigen Rhythmus im Raum bildeten. Sie fühlte sich ausgehöhlt, als hätte das hemmungslose Weinen in Allies Armen nicht nur die Tränen, sondern auch alles andere aus ihr herausgespült.

Gestern Abend hatte sie geglaubt, die Wahrheit würde sie befreien. Die Wahrheit über ihren Vater, über den Sport, der ihn zerfressen hatte, über die Angst, die sie seit einem Jahrzehnt lähmte. Aber die Wahrheit hatte sie nicht befreit. Sie hatte ihr nur die Gitterstäbe ihres eigenen Gefängnisses in schmerzhafter Deutlichkeit gezeigt. Und sie hatte ihr gezeigt, dass sie Garrett in eine Zelle gestoßen hatte, die ihrer eigenen verdammt ähnlich war.

*»Lass mich nicht allein damit.«*

Sein Flehen war ein Brandmal auf ihrer Seele. Sie hatte ihn allein gelassen. Im entscheidenden Moment, als er seinen Anker am meisten gebraucht hätte, hatte sie die Leine gekappt und war selbst vor dem Sturm geflohen. Die Schuld war ein physisches Gewicht auf ihrer Brust, schwerer als jeder Kater, erdrückender als jede Panikattacke.

»Bist du wach?«

Allies leise Stimme riss sie aus ihrer Starre. Ivery drehte den Kopf auf dem Kissen. Ihre Freundin saß aufrecht im Bett und sah sie mit einer Mischung aus Sorge und vorsichtiger Erwartung an.

»Ich habe nicht geschlafen«, krächzte Ivery. Ihre Kehle fühlte sich an wie Sandpapier.

»Ich auch nicht wirklich«, gestand Allie. »Ich hatte Angst, du könntest… ich weiß nicht. Verschwinden.«

Ivery schloss die Augen. »Bin ich ja auch. Gestern. Ich bin vor ihm verschwunden.«

Allie schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf Iverys Bettkante. »Du bist vor dir selbst verschwunden, Ivy. Vor deiner Vergangenheit.« Sie zögerte. »Was wirst du jetzt tun?«

Es war die Frage, die seit Stunden in Iverys Kopf widerhallte. Sie konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Sie konnte die Worte, die sie gesagt hatte, nicht ungeschehen machen, konnte die Tür, die sie geschlossen hatte, nicht ungeschlossen machen. Aber sie konnte eine neue Tür öffnen.

»Ich muss ihn finden«, sagte Ivery, und die Worte klangen in ihren eigenen Ohren fremd und entschlossen. »Ich muss mich entschuldigen. Ich muss… ich weiß nicht, was ich tun muss. Aber ich kann ihn nicht in dem Glauben lassen, dass er allein ist. Nicht, nachdem ich ihm versprochen hatte, dass er es nicht ist.«

Ein kleines, erleichtertes Lächeln huschte über Allies Gesicht. »Gut. Das ist gut. Das ist ein Anfang.« Sie stand auf. »Dann steh auf, Soldat. Du siehst aus wie der Tod auf Latschen. Eine Dusche, ein Kaffee und dann schmieden wir einen Plan, wie du den Prinzen von seinem Drachen rettest.«

»Ich bin nicht seine Retterin«, widersprach Ivery leise und setzte sich auf. »Ich bin diejenige, die ihn dem Drachen zum Fraß vorgeworfen hat.«

»Dann bist du jetzt eben diejenige, die ihm ein Schwert bringt«, erwiderte Allie ungerührt. »Beweg dich.«

Während das heiße Wasser der Dusche über ihre Haut prasselte, versuchte Ivery, ihre Gedanken zu ordnen. Eine Entschuldigung war nicht genug. Worte waren billig. Sie musste ihm zeigen, dass sie es ernst meinte. Sie musste dorthin zurückkehren, wo der Schmerz am größten war. Für sie beide. In die Eishalle.

***

Garrett erwachte durch einen pulsierenden Schmerz, der hinter seinen Augen hämmerte. Jeder Lichtstrahl, der durch die Jalousien fiel, war ein glühender Nagel, der in sein Gehirn getrieben wurde. Sein Mund schmeckte nach altem Whiskey und Reue. Er stöhnte und versuchte, sich auf die Seite zu rollen, aber die Welt drehte sich in einem abscheulichen Karussell.

»Guten Morgen, Sonnenschein.«

Logans trockene Stimme kam von der anderen Seite des Zimmers. Garrett blinzelte und erkannte die Umrisse seines Freundes, der in seinem Schreibtischstuhl saß und eine Tasse Kaffee in der Hand hielt.

»Was… wie bin ich hierhergekommen?«, murmelte Garrett.

»Ich habe dich praktisch getragen«, sagte Logan. »Du hast versucht, dem Barkeeper deine Lebensgeschichte zu erzählen und ihn davon zu überzeugen, dass Eishockey eine Metapher für den existenziellen Schmerz des modernen Menschen ist. Es war sehr tiefgründig.«

Garrett schloss die Augen, als eine Welle der Demütigung ihn überrollte. »Scheiße.«

»Ja, Scheiße«, bestätigte Logan. »Aber eine notwendige Scheiße. Hier.« Er stand auf und reichte Garrett ein Glas Wasser und zwei Tabletten. »Trink das. Du hast in einer halben Stunde Training.«

Garrett starrte ihn ungläubig an. »Training? Willst du mich verarschen? Ich kann kaum meinen eigenen Namen buchstabieren. Und außerdem…« Er verstummte. Das Ultimatum. Die Bank.

»Und außerdem wird Coach Davies dich wahrscheinlich vor dem gesamten Team zur Sau machen«, vollendete Logan den Satz. »Ja. Ich weiß. Und genau deshalb gehst du hin.«

Garrett schluckte die Tabletten mit zitternder Hand. »Du hast gesagt, er blufft.«

»Habe ich«, sagte Logan und setzte sich wieder. »Aber ein Bluff funktioniert nur, wenn man bereit ist, das Risiko einzugehen, dass es keiner ist. Du musst ihm zeigen, dass seine Drohung dich nicht einschüchtert. Du ziehst deine Ausrüstung an, du gehst aufs Eis, und wenn er dich auf die Bank schickt, dann setzt du dich hin und siehst ihm dabei direkt in die Augen. Du gibst ihm nicht die Genugtuung, dich gebrochen zu sehen. Kein Wimmern. Kein Flehen. Nur kalte, verdammte Professionalität.«

Es klang wie ein Plan aus einem schlechten Actionfilm. Aber in der verzweifelten Leere von Garretts Kopf war es der einzige Strohhalm, an den er sich klammern konnte.

»Und was ist mit… ihr?«, fragte er leise, unfähig, ihren Namen auszusprechen.

Logans Gesicht wurde weicher. »Sie braucht Zeit, Mann. Du hast eine Mine in ihrem Hinterhof zur Detonation gebracht. Sie muss erst mal die Scherben aufsammeln. Aber das hier« – er deutete auf Garretts müdes Gesicht – »das ist dein Kampf. Du kannst nicht warten, bis sie bereit ist, ihn für dich zu führen.«

Er hatte recht. So weh es auch tat, er hatte recht. Er konnte Ivery nicht die Verantwortung für seine Entscheidungen aufbürden. Er hatte diesen Krieg begonnen, als er den Anruf seines Vaters weggedrückt hatte. Jetzt musste er ihn auch zu Ende führen. Allein.

Er zwang sich aus dem Bett. Jeder Muskel schmerzte. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er zerspringen. Aber als er unter die Dusche trat, wurde der physische Schmerz von einer neuen, kalten Entschlossenheit überlagert. Er würde nicht nach Hause fahren. Er würde sich nicht entschuldigen. Er würde zu diesem verdammten Spiel gehen. Und er würde das Urteil des Trainers wie ein Mann akzeptieren, nicht wie der verängstigte Junge, für den sein Vater ihn hielt.

Das Training war die Hölle. Coach Davies ignorierte ihn völlig. Er sprach nicht mit ihm, er sah ihn nicht einmal an. Als es an die Aufstellung für die Übungsspiele ging, rief er einen der jüngeren Spieler auf, um Garretts Platz in der ersten Reihe einzunehmen. Die Botschaft war unmissverständlich und wurde vor den Augen des gesamten Teams überbracht. Ein paar der Spieler warfen Garrett unsichere, mitleidige Blicke zu. Andere starrten betreten aufs Eis. Logan jedoch klopfte ihm auf die Schulterpolster und sagte laut genug, dass es jeder hören konnte: »Mehr Zeit zum Ausruhen für das richtige Spiel heute Abend, Captain.«

Garrett saß auf der Bank, den Schläger locker in den Händen, und zwang sich, seinen Blick geradeaus zu richten. Er sah nicht zum Coach. Er sah nicht zu seinen Teamkollegen. Er starrte aufs Eis und ließ die Demütigung über sich ergehen wie eine Welle aus Eiswasser. Es war brutal. Aber er zerbrach nicht.

***

Der Tag zog sich hin wie zäher Kaugummi. Für Ivery war es eine Abfolge von Momenten, in denen sie gegen den Drang ankämpfte, sich wieder in ihrem Zimmer zu verkriechen. Allie wich nicht von ihrer Seite, eine unerschütterliche, optimistische Präsenz, die Iverys dunkle Gedanken mit unermüdlichem Geplapper vertrieb.

Am Nachmittag saß Ivery vor ihrem Laptop, der Cursor blinkte auf der Ticket-Webseite der Briar Arena. Ein einzelner Sitzplatz. Weit oben, in der letzten Reihe. So anonym wie möglich. Ihre Finger schwebten über der Tastatur. Das Geräusch der Menge, der Geruch des Eises, das scharfe Geräusch von Kufen, die über die Oberfläche kratzen – alles stieg wie Galle in ihr hoch.

»Du musst das nicht tun«, sagte Allie leise von der Tür aus.

»Doch«, sagte Ivery und drückte auf ›Kaufen‹. Die Bestätigung erschien auf dem Bildschirm. Es gab kein Zurück mehr. »Muss ich.«

Als der Abend hereinbrach und die Lichter auf dem Campus angingen, fühlte es sich an wie der Gang zu einer Hinrichtung. Ivery zog sich an, Schicht für Schicht, als würde sie eine Rüstung anlegen. Jeans, ein dicker Pullover, eine Jacke. Sie zog die Kapuze tief ins Gesicht.

»Bist du sicher?«, fragte Allie ein letztes Mal, als Ivery an der Tür stand.

»Nein«, antwortete Ivery ehrlich. »Aber ich gehe trotzdem.«

Der Weg zur Arena war ein Spießrutenlauf durch ihre eigene Vergangenheit. Mit jedem Schritt wurde die Musik lauter, die Menge dichter. Sie spürte, wie die Panik ihre Kehle zuschnürte, kalt und vertraut. Sie schloss die Augen, atmete tief durch und dachte an Garretts verzweifeltes Gesicht. *Nicht davonlaufen*, befahl sie sich selbst. *Nicht noch einmal.*

Sie fand ihren Platz ganz oben unter dem Dach. Von hier aus sahen die Spieler aus wie Ameisen, die über eine weiße Fläche krabbelten. Die laute, dröhnende Musik vor dem Spiel, die Schreie der Fans, das grelle Licht – es war eine sensorische Überflutung. Sie umklammerte die Armlehnen ihres Sitzes und zwang sich, dazubleiben.

Als die Teams das Eis betraten, suchte ihr Blick verzweifelt nach der Nummer 69. Er war da. Er fuhr seine Runden, sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske. Doch als die Startaufstellung verkündet wurde, war sein Name nicht dabei. Iverys Herz sank ihr in die Magengrube. Der Coach hatte seine Drohung wahr gemacht. Garrett saß auf der Bank.

Das erste Drittel war eine Qual. Ivery sah nicht auf das Spiel. Sie sah nur auf ihn. Er saß am Ende der Bank, leicht abseits von den anderen, den Helm auf dem Kopf, den Blick starr geradeaus. Er bewegte sich nicht. Er sprach mit niemandem. Eine einsame, erstarrte Figur am Rande des Geschehens. Jede Minute, die er dort saß, war ein Stich in Iverys Herz. Das war ihre Schuld. Sie hatte ihn zu diesem stillen Protest ermutigt, nur um ihn dann im entscheidenden Moment im Stich zu lassen.

Als die Sirene das Ende des Drittels verkündete, wusste sie, was sie tun musste. Es reichte nicht, hier oben zu sitzen und zu leiden. Sie musste zu ihm.

Sie erhob sich und kämpfte sich gegen den Strom der Fans, die zu den Imbissständen drängten. Ihr Herz hämmerte. Wohin ging sie? Die Umkleidekabinen waren Sperrgebiet. Wie sollte sie jemals zu ihm durchkommen?

Sie erreichte den unteren Rang und blieb unsicher stehen. Der Gang, der zu den Kabinen führte, wurde von zwei breitschultrigen Sicherheitsmännern bewacht. Keine Chance. Verzweiflung stieg in ihr auf. Es war eine dumme Idee gewesen. Eine unmögliche Mission.

»Ivery?«

Sie wirbelte herum. Logan stand ein paar Meter entfernt, ohne Helm, seine Haare waren feucht vom Schweiß. Er sah sie mit einer Mischung aus Unglauben und etwas, das wie Erleichterung aussah, an.

»Was machst du hier?«, fragte er.

»Ich muss mit ihm reden«, sagte sie, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Bitte, Logan. Ich muss ihn sehen.«

Logans Blick wanderte zu den Sicherheitsmännern, dann zurück zu ihr. Er sah die Verzweiflung in ihren Augen. Er zögerte nur einen Moment. »Okay«, sagte er. »Okay. Aber wir haben nicht viel Zeit. Komm mit.«

Er führte sie nicht zum Haupteingang, sondern einen schmalen Servicegang entlang. »Die Spielerfrauen benutzen manchmal den Hintereingang«, erklärte er leise. »Wenn du selbstbewusst genug aussiehst, fragen sie nicht nach.« Er blieb vor einer unscheinbaren Metalltür stehen. »Warte hier. Ich hole ihn.«

Er verschwand durch die Tür. Ivery blieb allein im kalten, zugigen Gang zurück. Die gedämpften Geräusche aus der Kabine drangen zu ihr durch – das Klappern von Ausrüstung, laute Stimmen, das Zischen von Wasser. Jede Sekunde des Wartens war eine Ewigkeit. Was, wenn er nicht kommen würde? Was, wenn er sie nicht sehen wollte?

Die Tür ging auf. Garrett trat heraus. Er trug immer noch den unteren Teil seiner Ausrüstung, aber sein Oberkörper steckte in einem verschwitzten Funktionsshirt. Sein Helm fehlte. Sein Haar klebte ihm an der Stirn. Als er sie sah, blieb er wie erstarrt stehen. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war eine unleserliche Mischung aus Schock, Wut und einem tiefen, unendlichen Schmerz.

»Was willst du hier?«, fragte er. Seine Stimme war rau und kalt wie das Eis, auf dem er hätte stehen sollen.

Die Kälte in seinem Ton traf sie härter als ein körperlicher Schlag. Sie hatte es verdient. »Ich… ich wollte dich sehen«, stammelte sie.

»Hast du. Kannst jetzt wieder gehen«, sagte er und wollte sich umdrehen.

»Nein!«, rief sie und machte einen Schritt auf ihn zu. »Bitte, Garrett. Warte.«

Er blieb stehen, aber er drehte sich nicht um. Sein ganzer Körper war angespannt.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie. Die Worte kamen erstickt aus ihr heraus. »Was ich gestern gesagt habe… wie ich dich weggestoßen habe… es tut mir so unendlich leid. Ich war…«

»Du warst was?«, fragte er, ohne sie anzusehen. »Hattest Angst? Das hast du ziemlich deutlich gemacht.«

»Ja«, gab sie zu. »Ich hatte Todesangst. Aber nicht vor dir. Nicht vor dem, was dein Vater tut.« Sie atmete zitternd durch. »Ich hatte Angst um dich. Weil ich… weil ich das alles schon einmal gesehen habe. Bei meinem Vater. Ich habe zugesehen, wie dieser Sport ihn zerstört hat. Und als ich dich gestern so gebrochen gesehen habe, habe ich nicht mehr dich gesehen. Ich habe ihn gesehen. Und ich bin in Panik geraten.«

Endlich drehte er sich langsam um. Sein Gesicht war immer noch hart, aber in seinen Augen lag ein Anflug von Verwirrung.

»Ich bin weggelaufen«, fuhr sie fort, und die Tränen, die sie den ganzen Tag zurückgehalten hatte, begannen über ihre Wangen zu laufen. »Ich bin vor der Erinnerung an ihn weggelaufen, und dabei bin ich vor dir weggelaufen. Das war feige und es war falsch. Ich habe dich allein gelassen, als du mich am meisten gebraucht hast. Und das ist unverzeihlich. Aber ich bin jetzt hier. Ich laufe nicht mehr weg, Garrett. Ich schwöre es.«

Er starrte sie an, sein Kiefer mahlte. Die Stille im Gang war ohrenbetäubend, nur unterbrochen von ihren leisen Schluchzern und dem fernen Echo der Arena.

»Warum bist du hier, Ivery?«, fragte er leise, aber die Kälte war aus seiner Stimme gewichen. »Aus Mitleid?«

»Nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die nassen Wangen. »Ich bin hier, weil du nicht allein kämpfen sollst. Ich bin hier, weil ich gesagt habe, wir werfen das Brett um, und ich es ernst gemeint habe. Auch wenn es bedeutet, dass du erst mal auf der Bank sitzt. Auch wenn es bedeutet, dass wir verlieren. Wir tun es zusammen.«

Sie sah ihn an, legte all ihre verbliebene Stärke, all ihre aufkeimende Hoffnung in diesen einen Blick. »Ich glaube an dich, Garrett. Nicht an den Eishockeyspieler. An dich. An den Mann, der es gewagt hat, den Anruf seines Vaters wegzudrücken. An den Mann, der lieber auf der Bank sitzt, als sich zu unterwerfen.«

Etwas in seinem Gesicht brach. Die harte Maske zerfiel und enthüllte die rohe Verletzlichkeit darunter. Er machte zwei schnelle Schritte auf sie zu und zog sie in seine Arme. Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge, und sie spürte, wie sein ganzer Körper zitterte. Sie schlang ihre Arme fest um ihn, atmete seinen Geruch ein – eine Mischung aus Schweiß, Kälte und ihm selbst.

»Ich dachte, ich hätte dich verloren«, flüsterte er in ihr Haar, seine Stimme war erstickt.

»Niemals«, hauchte sie zurück und drückte ihn fester an sich. »Ich bin hier.«

Sie standen lange so da, eine Ewigkeit in einer fünfzehnminütigen Drittelpause. Es war keine Lösung. Es war keine Absolution. Aber es war ein Waffenstillstand. Ein Pakt, der in der kalten, sterilen Atmosphäre eines Servicegangs erneuert wurde.

»Ich muss zurück«, sagte er schließlich und löste sich widerstrebend von ihr. Er hielt ihr Gesicht in seinen Händen und wischte mit den Daumen die restlichen Tränen von ihren Wangen. Sein Blick war intensiv. »Sieh mir zu. Okay?«

Sie nickte, unfähig zu sprechen.

Er beugte sich vor und küsste sie. Es war kein sanfter, zögerlicher Kuss wie die Male zuvor. Er war fordernd, verzweifelt und voller ungesagter Worte. Ein Kuss, der sagte: ›Ich habe dich vermisst‹, ›Ich brauche dich‹ und ›Lass mich nie wieder allein‹. Als er sich löste, waren sie beide atemlos.

»Ich komme wieder«, sagte er. Dann drehte er sich um und verschwand hinter der Metalltür.

Ivery blieb zurück, ihr Herz hämmerte, ihre Lippen brannten. Sie fühlte sich nicht geheilt. Aber sie fühlte sich ganz. Sie ging denselben Weg zurück, den sie gekommen war, aber diesmal fühlte er sich nicht mehr wie ein Spießrutenlauf an. Sie fand ihren Platz in der obersten Reihe, gerade als die Sirene das Ende der Pause ankündigte.

Die Mannschaften kamen zurück aufs Eis. Garrett setzte sich wieder an seinen Platz am Ende der Bank. Nichts hatte sich geändert. Und doch hatte sich alles geändert.

Das zweite Drittel begann. Briar lag mit einem Tor zurück und spielte unkonzentriert, fahrig. Die Abwesenheit ihres Kapitäns war spürbar. Nach fünf Minuten nahm Coach Davies eine Auszeit. Er schrie seine Spieler an, gestikulierte wild. Garrett saß unbewegt da.

Als die Spieler wieder aufs Eis gingen, blieb der Coach einen Moment an der Bande stehen. Sein Blick wanderte über die Reihen seiner Spieler. Dann blieb er an Garrett hängen. Garrett erwiderte den Blick, sein Gesicht war ruhig, ohne Angst, ohne Trotz. Nur eine stille, unerschütterliche Entschlossenheit.

Der Blick des Coaches wanderte weiter, über das Eis, über die Menge. Ivery wusste nicht, ob er sie sah, so hoch oben sie auch saß. Aber sie hatte das Gefühl, dass er etwas sah. Vielleicht die Veränderung in Garretts Haltung. Vielleicht die stille Unterstützung, die von Logan und ein paar anderen Spielern ausging. Vielleicht hatte er einen Anflug von Zweifel an der Geschichte, die Phil Graham ihm aufgetischt hatte.

Er wandte sich wieder Garrett zu. Die ganze Halle schien den Atem anzuhalten.

»Graham!«, bellte der Coach.

Garretts Kopf schnellte herum.

»Du ersetzt Miller in der zweiten Reihe. Raus aufs Eis!«

Ein kollektives Aufatmen ging durch die Mannschaft. Logan grinste über das ganze Gesicht und schlug Garrett auf den Helm. Garrett sprang auf, als wäre er von einem Blitz getroffen. Er schnappte sich seinen Schläger, und für einen flüchtigen Moment, bevor er über die Bande sprang, wanderte sein Blick nach oben, suchte die Ränge ab.

Ihre Blicke trafen sich. Über die Distanz, über das Lärmen der Menge hinweg. Es dauerte nur eine Sekunde. Aber in dieser Sekunde lag ein ganzes Gespräch. Ein Dankeschön. Ein Versprechen. Ein gemeinsamer Sieg.

Dann sprang er aufs Eis. Und als seine Kufen die gefrorene Oberfläche berührten, wusste Ivery, dass der Kampf noch lange nicht vorbei war. Aber sie wusste auch, dass sie nicht mehr nur Zuschauer waren. Sie hatten das Brett nicht nur umgeworfen. Sie hatten gerade ihre erste eigene Figur aufs Feld gesetzt. Und sie würden diesen Kampf gemeinsam führen. Bis zum Ende.