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Breaking ice

Atem auf Glas

Die Nacht nach dem Kuss war eine schlaflose Tortur. Jedes Mal, wenn Ivery die Augen schloss, war sie wieder da, auf dem kalten Kiesweg hinter der Eishalle. Sie spürte die unbeholfene Zärtlichkeit seiner Umarmung, die raue Verzweiflung in seiner Stimme und die federleichte Berührung seiner Lippen auf ihren. Es war ein Kuss, der keine Versprechen machte, sondern ein Geständnis war – ein stummes Eingeständnis, dass sie beide, jeder auf seine Weise, Schiffbrüchige waren, die sich für einen flüchtigen Moment an dasselbe Stück Treibholz geklammert hatten.

Doch auf die Erinnerung an seine Nähe folgte unweigerlich das Echo der Vergangenheit. Das Bild seiner verletzlichen Augen vermischte sich mit dem grellen Licht der Arena, der Geruch der kalten Nachtluft mit dem metallischen Geruch von Blut. Sie wälzte sich in ihren Laken, gefangen zwischen einem neuen, beunruhigenden Gefühl der Verbundenheit und der alten, vertrauten Panik.

Als der Samstagmorgen in fahlen Grautönen durch ihr Fenster sickerte, saß Ivery bereits an ihrem Schreibtisch. Der Laptop war aufgeklappt, die Seite mit dem Spielplan der Briar-Bulldogs starrte sie an wie ein Ankläger. *Heute Abend. 19:30 Uhr. Gegen Dartmouth.* Die Worte waren einfach, aber für Ivery fühlten sie sich an wie ein Urteil.

„Wow, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Oder mit einem geknutscht“, kam es verschlafen von Allies Bett.

Ivery zuckte zusammen und klappte den Laptop hastig zu. „Guten Morgen.“

Allie rieb sich die Augen und setzte sich auf, eine Decke um ihre Schultern geschlungen. Sie musterte Ivery mit einer Mischung aus Besorgnis und unbändiger Neugier. „Okay, was ist los? Seit gestern Abend schwebst du hier herum wie ein Gewitter auf zwei Beinen. Du bist mit Garrett verschwunden und als du wiederkamst, sahst du aus, als wärst du durch eine andere Dimension gereist. Und jetzt starrst du auf deinen Laptop, als stünde darin die Formel für die Weltherrschaft.“

„Ich habe nicht gut geschlafen“, sagte Ivery ausweichend und stand auf, um in die kleine Küche zu gehen, die sie sich teilten. Die Bewegung fühlte sich steif an, unnatürlich.

Allie tapste ihr hinterher, unerbittlich. „Ivery. Ich bin deine beste Freundin. Ich erkenne den ‚Ich habe schlecht geschlafen‘-Blick. Das hier ist der ‚Mein ganzes Weltbild wurde auf den Kopf gestellt und ich weiß nicht, ob ich schreien oder mich unter der Decke verstecken soll‘-Blick. Ich weiß, du hast gesagt, ihr habt nicht rumgemacht, aber irgendetwas ist passiert.“

Ivery füllte ein Glas mit Wasser und trank es in langen, gierigen Zügen, um Zeit zu gewinnen. Die Wahrheit kratzte in ihrem Hals. *Ich habe ihn geküsst. Ich habe ihm vom Tod meines Vaters erzählt. Er hat mir erzählt, dass sein Vater ein Monster ist. Und jetzt überlege ich, freiwillig in meine persönliche Hölle zu gehen, nur um zu sehen, ob er okay ist.* Wie sollte sie das sagen, ohne dass es vollkommen verrückt klang?

Sie seufzte und lehnte sich gegen die Küchentheke. Sie sah Allie an, die mit ihren großen, erwartungsvollen Augen vor ihr stand. Sie verdiente zumindest einen Teil der Wahrheit.

„Es ist… kompliziert, Allie“, begann sie leise. „Wir haben geredet. Über Dinge. Wichtige Dinge.“

„Wichtige Dinge wie… warum du Hockey so sehr hasst?“, fragte Allie vorsichtig.

Iverys Kopf schoss nach oben. „Hat er dir etwas erzählt?“

Allie schüttelte schnell den Kopf. „Nein, Gott, nein! Garrett redet mit niemandem. Aber ich sehe doch, wie er dich ansieht. Und wie du ihn ansiehst, wenn du denkst, dass niemand hinschaut. Die ganze ‚Ich hasse dich‘-Nummer kauft euch doch sowieso keiner mehr ab.“

Ivery schloss die Augen. War es wirklich so offensichtlich?

„Er ist nicht der, für den ich ihn gehalten habe“, flüsterte sie. „Und ich… ich glaube, ich bin auch nicht die, für die er mich gehalten hat.“

Allie trat näher und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Und das ist gut oder schlecht?“

„Ich weiß es nicht“, gab Ivery ehrlich zu. „Ich weiß es wirklich nicht. Aber es macht mir Angst.“

„Was macht dir Angst? Dass du den Kapitän des Hockeyteams doch nicht hasst? Willkommen im Club, den haben die meisten Mädchen an der Briar“, versuchte Allie, die Stimmung aufzulockern.

„Nein“, sagte Ivery und ihre Stimme war plötzlich fest. „Mir macht Angst, dass ich seinetwegen heute Abend vielleicht etwas unglaublich Dummes tun werde.“

Allie zog eine Augenbraue hoch. „Was für eine Dummheit? Dich in die Umkleidekabine der Jungs schleichen? Haben wir schon versucht, die Kameras sind zu gut.“

Trotz allem musste Ivery kurz lächeln. „Schlimmer. Ich überlege, zum Spiel zu gehen.“

Allie starrte sie an, als hätte sie gerade verkündet, dem Zirkus beizutreten. Ihr Mund öffnete und schloss sich ein paar Mal. „Zum… Hockeyspiel? Freiwillig? Du? Die Frau, die eher barfuß über Legosteine laufen würde, als eine Eishalle zu betreten?“

„Ich weiß“, sagte Ivery und fuhr sich durch die Haare. „Es ist eine bescheuerte Idee.“

„Nein, es ist…“, Allie hielt inne und ihr Blick wurde weicher. „Es ist für ihn, oder?“

Ivery nickte kaum merklich.

„Dann ist es keine bescheuerte Idee“, sagte Allie sanft. „Dann ist es vielleicht genau das, was du tun musst.“

Der Rest des Tages verging wie im Nebel. Ivery versuchte zu lernen, aber die Worte auf den Seiten verschwammen zu bedeutungslosen Mustern. Sie ging nach draußen, um frische Luft zu schnappen, aber die kühle Herbstbrise erinnerte sie nur an die Kälte, die sie in einer Arena erwartete. Ihr Handy blieb stumm. Kein Anruf, keine Nachricht von Garrett. Ein Teil von ihr war erleichtert, ein anderer war auf eine irrationale Weise enttäuscht. Was hatte sie erwartet? Eine Liebeserklärung nach einem einzigen Kuss? Sie waren Fremde, die sich ein Geheimnis teilten. Mehr nicht.

Gegen sechs Uhr abends stand Ivery vor ihrem Kleiderschrank und fühlte sich wie eine Soldatin, die ihre Rüstung für eine Schlacht auswählte, von der sie wusste, dass sie sie nicht gewinnen konnte. Was zog man an, um sich seinen Dämonen zu stellen? Sie entschied sich für eine dunkle Jeans, feste Stiefel und einen dicken, schwarzen Rollkragenpullover. Der hohe Kragen fühlte sich an wie ein Schutzschild um ihren Hals. Darüber zog sie eine schlichte Jacke. Es war eine unscheinbare, fast unsichtbare Uniform. Perfekt, um in der Menge unterzutauchen.

„Gehst du wirklich?“, fragte Allie leise von der Tür aus. Sie hielt zwei Tickets in der Hand. „Logan hat mir welche gegeben. Ich könnte mitkommen. Als seelische Unterstützung.“

Ivery schüttelte den Kopf. „Danke, Allie. Wirklich. Aber das… das muss ich alleine machen.“

Allie nickte verständnisvoll. „Okay. Aber mein Handy ist an. Wenn du irgendetwas brauchst – einen Fluchtwagen, ein Alibi, Schokolade – du rufst mich an.“

„Werde ich“, versprach Ivery und zwang sich zu einem Lächeln, das sich brüchig anfühlte.

Der Weg zur Eishalle war der längste Spaziergang ihres Lebens. Mit jedem Schritt wurde das Summen der Menge lauter, das Licht der Scheinwerfer heller. Ihr Herz hämmerte einen unregelmäßigen Rhythmus gegen ihre Rippen, ein panischer Trommelwirbel. Sie kaufte sich ein Einzelticket am Schalter, ihre Hände zitterten so sehr, dass sie das Geld fast fallen ließ.

Als sie durch den Eingang trat, traf es sie wie eine physische Welle. Die Kälte. Eine feuchte, alles durchdringende Kälte, die nichts mit der Außentemperatur zu tun hatte. Es war die Kälte von Stahl, Beton und gefrorenem Wasser. Und der Geruch. Eine Mischung aus Popcorn, Bier und diesem unverwechselbaren, fast sterilen Geruch von Eis, der in ihr sofort eine Lawine von Erinnerungen auslöste.

*Sie ist sieben Jahre alt. Sie sitzt auf den Schultern ihres Vaters, lacht und hält eine riesige Zuckerwatte in der Hand. Der Geruch der Halle ist der Geruch von Abenteuer und Papas Welt.*

Ivery schloss kurz die Augen und schluckte die aufsteigende Übelkeit hinunter. Sie musste hier raus. Das war ein Fehler. Ein schrecklicher, dummer Fehler.

Sie drehte sich schon um, als sie das Geräusch hörte. Das Geräusch, das sie seit über einem Jahrzehnt nur in ihren Albträumen gehört hatte. Das scharfe, schneidende Geräusch von Kufen, die sich ins Eis graben. *Kratz. Zisch. Kratz.*

Ihr Atem stockte. Ihr ganzer Körper erstarrte.

*Sie ist zehn Jahre alt. Das Geräusch von Kufen ist überall. Schnell, aggressiv. Dann ein anderes Geräusch. Ein Schrei. Ein dumpfer Aufprall. Und dann Stille, bevor die Schreie der Menge einsetzen. Ihre Mutter schreit am lautesten.*

„Nein“, flüsterte sie und presste eine Hand auf ihren Mund. Sie lehnte sich gegen die kalte Betonwand, ihr Körper zitterte unkontrolliert. Leute strömten an ihr vorbei, lachend, redend, ahnungslos. Sie war eine Geisterfahrerin auf der Autobahn der Fröhlichkeit.

*Tu es für ihn.* Allies Worte hallten in ihrem Kopf wider. Aber es war nicht mehr Allies Stimme. Es war ihre eigene. *Du tust das nicht für ihn. Du tust das für dich. Du lässt dir das nicht mehr nehmen. Du lässt die Angst nicht gewinnen.*

Mit einer Willensanstrengung, die sie fast körperlich spürte, richtete sie sich auf. Sie atmete tief durch, ignorierte den Geruch, das Geräusch, die Kälte. Sie zwang ihre Füße, sich zu bewegen. Stufe für Stufe stieg sie die Tribüne hinauf, so hoch sie konnte, bis sie einen Platz in der letzten Reihe fand, direkt unter dem Dach. Von hier oben waren die Spieler nur noch bunte Ameisen auf einer weißen Fläche. Sie war so weit weg wie möglich, aber sie war hier.

Die Lichter gingen aus, die Musik dröhnte aus den Lautsprechern, und die Spieler liefen unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Menge auf das Eis. Ivery suchte die Eisfläche ab, ihr Herz ein wilder Vogel in ihrem Brustkorb. Und dann sah sie ihn.

Nummer 68. Garrett Graham. Das ‚C‘ des Kapitäns prangte auf seiner Brust. Er sah anders aus als auf dem Campus. Größer. Unnahbarer. Er war in seinem Element, ein Raubtier in seinem Revier. Er fuhr seine Runden, die Bewegungen geschmeidig und kraftvoll. Er war wunderschön auf eine furchterregende Art und Weise.

Sie beobachtete ihn während des Aufwärmens, sah, wie er mit Logan sprach, wie er den jüngeren Spielern Anweisungen gab. Er wirkte konzentriert, fokussiert. Aber Ivery sah, was die anderen nicht sahen. Sie sah die kaum merkliche Anspannung in seinen Schultern, die Art, wie sein Kiefer mahlte, wenn er für einen Moment innehielt. Sie sah den Jungen, der von seinem Vater am Telefon zerfleischt worden war. Sie sah den Druck, der auf ihm lastete, so deutlich wie das Logo auf seinem Trikot.

Das Spiel begann. Die ersten Minuten waren ein Rausch aus Geschwindigkeit, Lärm und Gewalt. Spieler prallten gegeneinander, Pucks schlugen mit erschreckender Wucht gegen die Bande. Jedes Mal, wenn ein Spieler fiel, zuckte Ivery zusammen. Jedes Mal, wenn die Kufen das Eis aufschlitzten, spürte sie einen Stich in ihrer Brust. Es war die Hölle. Es war Folter. Und doch konnte sie den Blick nicht abwenden.

Sie konzentrierte sich nur auf Garrett. Sie verfolgte jede seiner Bewegungen. Sie sah, wie er einen Pass abfing, wie er einem Check auswich, wie er sein Team dirigierte. Er spielte gut, aber nicht brillant. Er wirkte gehemmt, fast zu vorsichtig. *Du warst langsam, unkonzentriert.* Die Stimme seines Vaters war plötzlich in Iverys Kopf, so klar, als stünde er neben ihr.

Mitte des ersten Drittels passierte es. Garrett hatte den Puck im gegnerischen Drittel. Er umkurvte einen Verteidiger, hatte freie Bahn zum Tor. Doch anstatt zu schießen, zögerte er den Bruchteil einer Sekunde zu lange. Er versuchte einen weiteren Haken, ein Manöver zu viel. Ein gegnerischer Spieler spitzelte ihm den Puck vom Schläger. Der Konter lief, und Sekunden später zappelte der Puck im Netz der Briar-Bulldogs.

Ein kollektives Stöhnen ging durch die Halle. Jemand hinter Ivery fluchte laut. Doch Ivery hörte nichts davon. Sie sah nur, wie Garrett auf dem Eis stehen blieb, die Schultern hängend, den Kopf gesenkt. Er starrte auf die Stelle, an der er den Puck verloren hatte. In diesem Moment war er nicht der Kapitän, nicht der Star. Er war nur ein Junge, der gescheitert war. Und Ivery wusste, dass in seinem Kopf gerade die Stimme seines Vaters lauter schrie als die ganze Arena zusammen.

Ihr Herz zog sich so schmerzhaft zusammen, dass sie nach Luft schnappen musste. Der Hass auf diesen Sport, der so lange ihre Rüstung gewesen war, schmolz dahin und machte einem Gefühl Platz, das so wild und schützend war, dass es ihr den Atem raubte. Sie wollte zu ihm aufs Eis laufen, ihn von dort wegzerren und ihm sagen, dass es nur ein Spiel war – aber sie wusste, dass das eine Lüge war. Für ihn war es alles.

Die Drittelpause war eine Qual. Ivery blieb auf ihrem Platz sitzen, unfähig sich zu bewegen. Sie starrte auf das leere Eis, das von der Eismaschine neu geglättet wurde, und fragte sich, wie etwas so Reines und Schönes die Kulisse für so viel Schmerz sein konnte.

Als die Teams für das zweite Drittel zurückkamen, wirkte Garrett noch angespannter. Er spielte verbissen, fast wütend. Er teilte harte Checks aus, ging in jeden Zweikampf, als wäre es sein letzter. Es war kein schönes Hockey mehr. Es war ein Kampf.

Gegen Ende des Drittels gab es ein Gerangel vor dem Tor. Garrett war mittendrin. Er bekam einen Schlag ab, sein Helm verrutschte. Für einen Moment sah Ivery sein Gesicht, bevor er von seinen Mitspielern weggezogen wurde. Es war eine Grimasse aus Wut und Schmerz. Er bekam eine Zwei-Minuten-Strafe. Als er zur Strafbank fuhr, schlug er mit seinem Schläger frustriert gegen die Bande.

Er setzte sich, riss seinen Helm vom Kopf und fuhr sich mit dem behandschuhten Hand durch die verschwitzten Haare. Sein Blick wanderte über die Eisfläche, dann nach oben, über die Köpfe der johlenden Menge. Es war ein leerer, abwesender Blick. Er suchte nichts und niemanden. Er starrt einfach nur ins Nichts, verloren in seinem eigenen Gefängnis.

Und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, trafen sich ihre Augen.

Es war unmöglich. Sie saß in der letzten Reihe, im Halbdunkel, eine von Tausenden. Aber er fand sie. Vielleicht war es der schwarze Rollkragenpullover in einem Meer aus Blau und Weiß. Vielleicht war es eine unsichtbare Verbindung, die in der Nacht des Kusses geknüpft worden war. Aber sein Blick blieb an ihr hängen.

Ein Ausdruck ungläubiger Verwirrung trat auf sein Gesicht. Er blinzelte, als wollte er sichergehen, dass sie keine Halluzination war. Die Wut und der Frust wichen einer stillen, schockierten Verwunderung. Sein Mund öffnete sich leicht. *Ivery?* Er formte das Wort, ohne es auszusprechen.

Ivery erstarrte. Die ganze Arena schien zu verschwimmen. Es gab nur noch sie und ihn. Sie konnte nicht lächeln, sie konnte nicht winken. Sie konnte nur dasitzen und seinen Blick halten, ein stummes Signal durch den Lärm und die Entfernung. *Ich bin hier.*

Die Sirene, die das Ende seiner Strafe ankündigte, riss sie aus dem Moment. Ein Mitspieler klopfte ihm auf die Schulter. Garrett schüttelte den Kopf, als wollte er sich aus einer Trance befreien. Er setzte seinen Helm wieder auf, aber bevor er zurück aufs Eis sprang, sah er noch einmal zu ihr hoch. Diesmal war der Blick ein anderer. Er war nicht mehr leer. Da war etwas Neues. Ein Funke.

Ivery atmete zum ersten Mal seit Minuten wieder richtig aus. Ihre Hände, die sie zu Fäusten geballt hatte, entspannten sich. Das Zittern hatte aufgehört.

Als Garrett zurück auf dem Eis war, hatte sich etwas verändert. Er spielte nicht mehr wütend, aber auch nicht mehr gehemmt. Er spielte mit einer neuen Klarheit, einer neuen Intensität. Seine Bewegungen waren wieder flüssig, seine Entscheidungen schnell und präzise. Er war überall auf dem Eis, und diesmal spielte er nicht für seinen Vater oder gegen seine Dämonen. Er spielte einfach. Er spielte, als hätte er sich daran erinnert, warum er diesen Sport einmal geliebt hatte.

Kurz vor Ende des Spiels, bei einem knappen Rückstand, bekam Garrett den Puck im eigenen Drittel. Er sprintete los, ließ zwei Gegenspieler stehen. Die Menge wurde lauter, spürte, dass etwas Besonderes passierte. Er überquerte die blaue Linie, zog zwei Verteidiger auf sich und spielte dann im letzten Moment einen perfekten, blinden Pass auf Logan, der ungedeckt vor dem Tor stand. Logan musste den Puck nur noch ins leere Tor schieben. Ausgleich.

Die Arena explodierte. Spieler stürmten auf Logan und Garrett zu, ein Haufen aus Jubel und Erleichterung. Ivery sah, wie Logan Garrett umarmte und ihm auf den Helm klopfte. Und sie sah, wie Garrett, mitten im Chaos, für einen kurzen Moment den Kopf hob und wieder zu ihr hochsah. Diesmal lächelte er. Es war kein arrogantes Siegerlächeln. Es war ein kleines, fast schüchternes Lächeln, das nur für sie bestimmt war.

Und Ivery, zum ersten Mal seit zehn Jahren in einer Eishalle, lächelte zurück.

Sie wartete nicht bis zum Ende. Sie wollte diesen Moment nicht durch die Schlusssirene oder den Trubel der abziehenden Menge zerstören. Sie stand leise auf, während das Spiel noch lief, und schlich sich aus der Halle.

Draußen war die Nacht still und kalt. Die gedämpften Geräusche aus der Arena klangen wie das Rauschen eines fernen Ozeans. Ivery atmete tief die saubere, kühle Luft ein. Sie fühlte sich leer und voll zugleich. Erschöpft und elektrisiert. Sie hatte es getan. Sie war zurückgekehrt an den Ort ihres größten Schmerzes und hatte überlebt.

Mehr als das. Sie hatte etwas Neues gefunden.

Das Eis unter ihren Füßen war nicht gebrochen. Aber es hatte Risse bekommen. Tiefe, unübersehbare Risse, durch die ein unerwartetes Licht schien. Sie wusste nicht, was dieser Abend bedeutete, für sie, für Garrett, für das, was auch immer zwischen ihnen war. Aber als sie langsam den Weg zurück zu ihrem Wohnheim antrat, spürte sie zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr das erdrückende Gewicht der Vergangenheit, sondern die zitternde, unsichere Möglichkeit einer Zukunft. Und auf ihren Lippen lag immer noch der Hauch eines Lächelns und das ferne Echo von Atem auf Glas.