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Breaking ice

Atemzüge im Dazwischen

Der Sonntag kroch durch die Jalousien wie ein ungebetener Gast, grau und unentschlossen. Ivery lag wach und starrte an die Decke, während die Ereignisse der letzten Nacht in einer Endlosschleife durch ihren Kopf liefen. Die ohrenbetäubende Lautstärke der Arena, die schneidende Kälte, die Panik, die ihr die Kehle zugeschnürt hatte. Und dann sein Blick. Sein Lächeln. Sein Kuss.

Ihre Finger strichen unbewusst über ihre Lippen. Sie konnte ihn immer noch spüren – eine Mischung aus der salzigen Spur von Schweiß, der Kühle der Nacht und einer verzweifelten Zärtlichkeit, die ihr Herz zum Stolpern brachte. *„Was auch immer das ist“,* hatte er gesagt, *„ich will nicht, dass es aufhört.“* Und sie, die Königin der Selbstsabotage und der emotionalen Flucht, hatte zugestimmt. *„Ich auch nicht.“*

Ein leises Kichern riss sie aus ihren Gedanken. Allie saß aufrecht in ihrem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, und beobachtete sie mit einem wissenden Grinsen. „Du siehst aus wie jemand, der gerade den Code für die Apokalypse geknackt hat und sich nicht sicher ist, ob das gut oder schlecht ist.“

Ivery stöhnte und vergrub ihr Gesicht im Kissen. „So fühle ich mich auch.“

„Er war hier“, stellte Allie fest. Es war keine Frage. „Nachdem du geschlafen hast, bin ich wieder hochgekommen. Die Luft im Zimmer hat geknistert. Hat er dich geküsst?“

Ivery drehte ihren Kopf zur Seite und sah ihre Freundin aus dem Kissen heraus an. Lügen war sinnlos. Sie nickte kaum merklich.

Allie stieß einen leisen, triumphierenden Laut aus. „Ich wusste es! Und? Wie war es? War es ein ‚Wir-haben-gerade-ein-Spiel-gewonnen-und-ich-bin-voller-Adrenalin‘-Kuss oder ein… anderer Kuss?“

Ivery dachte an die Sanftheit, mit der er ihre Wange gehalten hatte, an die Verletzlichkeit in seinen Augen. „Es war ein anderer Kuss“, flüsterte sie.

„Oh mein Gott.“ Allie rutschte an den Rand ihres Bettes. „Das ist ernst. Das ist wirklich ernst. Was passiert jetzt? Seid ihr zusammen? Ändert ihr euren Beziehungsstatus auf Facebook? Muss ich anfangen, ihn Garrett zu nennen und nicht mehr ‚deinen persönlichen Endgegner‘?“

Iverys Magen zog sich zusammen. Zusammen. Das Wort klang fremd und furchteinflößend. „Wir sind nichts, Allie. Wir sind… kompliziert. Und ich habe keine Ahnung, was jetzt passiert.“ Sie setzte sich auf und fuhr sich durch die zerzausten Haare. „Ich bin gestern in diese Halle gegangen. Ich habe zugesehen, wie sie sich gegenseitig gegen die Bande geschmettert haben. Und es hat sich angefühlt, als würde ich ersticken. Und trotzdem bin ich geblieben. Für ihn. Und als er hier war, hat sich alles richtig angefühlt. Und jetzt, wo die Sonne scheint und alles wieder normal ist, fühlt es sich an wie der größte Fehler meines Lebens.“

„Hey“, sagte Allie sanft und stand auf, um sich neben Ivery zu setzen. „Atmen. Es ist kein Fehler, sich jemandem zu öffnen. Es ist mutig. Besonders für dich.“ Sie legte einen Arm um Iverys Schultern. „Du musst nicht alle Antworten haben. Vielleicht müsst ihr einfach nur… den nächsten Schritt machen. Was auch immer der ist.“

Der nächste Schritt. Ivery hatte das Gefühl, sie stünde am Rande einer Klippe, und der nächste Schritt führte direkt ins Nichts.

***

„Du siehst beschissen aus.“

Garrett zuckte zusammen und sah von seinem Kaffee auf. Logan ließ sich ihm gegenüber auf den Stuhl in der fast leeren Mensa fallen und schob ihm einen Teller mit einem Bagel hin.

„Danke, Mom“, murmelte Garrett und nahm einen Schluck von dem bitteren Kaffee. Er hatte kaum geschlafen. Nach dem kurzen, aber intensiven Gespräch mit Logan in Iverys Türrahmen hatte er sich in seinen Jeep gesetzt, war aber nicht nach Hause gefahren. Er war stundenlang durch die schlafende Stadt gekurvt, Iverys Geruch noch in seiner Kleidung, der Geschmack ihrer Lippen noch auf seinen.

Logan lehnte sich vor, die übliche kumpelhafte Neckerei war aus seinem Gesicht verschwunden. „Okay, G. Kein Scheiß jetzt. Was läuft da zwischen dir und Ivery Benggston?“

„Nichts“, sagte Garrett automatisch.

Logan schnaubte. „Lüg mich nicht an. Ich bin dein bester Freund. Ich sehe dich jeden Tag. Ich habe dich mit Dutzenden von Mädchen gesehen. Aber so habe ich dich noch nie gesehen.“ Er senkte seine Stimme. „Du hast gestern Abend das Team sitzen lassen. Du. Der Kapitän. Du hast eine Siegesfeier geschwänzt, um zu ihr zu rennen. Und als ich in dieses Zimmer kam… Mann, die Luft war so dick, man hätte sie schneiden können. Das ist nicht nur irgendeine Nummer für dich.“

Garrett rieb sich die müden Augen. Er wollte Logan nicht anlügen, aber wie sollte er erklären, was er selbst nicht verstand? Wie erklärte man, dass ein Mädchen, das ihn vor zwei Wochen noch mit purem Hass angesehen hatte, nun die einzige Person war, die ihn davon abhielt, unter dem Druck seines Vaters zu zerbrechen?

„Sie ist anders, Logan“, sagte er leise und starrte in seine Kaffeetasse.

„Anders, weil sie die Einzige ist, die dir die kalte Schulter zeigt? Das ist eine alte Masche, Garrett.“

„Nein“, widersprach Garrett und sah seinen Freund an. „Anders, weil sie die Erste ist, die mich ansieht und nicht den Hockeyspieler sieht. Sie sieht… mich. Mit all dem Scheiß.“

Logan wurde still. Er kannte nicht den ganzen „Scheiß“. Er wusste, dass Garretts Beziehung zu seinem Vater angespannt war, aber er kannte nicht das Ausmaß der verbalen und emotionalen Gewalt. Er kannte nicht die Angst, die Garrett seit seiner Kindheit begleitete.

„Sie war beim Spiel“, sagte Logan nach einer Weile. „Ich habe sie gesehen, als du den Pass gegeben hast. Sie hat dich angesehen. Ich dachte, ich halluziniere.“

Garrett nickte. „Sie war da.“

„Die Eishasserin Nummer eins kommt zu einem Spiel, um dich zu sehen“, murmelte Logan und schüttelte ungläubig den Kopf. „Okay. Das ist… krass.“ Er wurde wieder ernst. „Hör zu, Mann. Ich werde dich nicht weiter nerven. Aber sei vorsichtig. Sie wirkt nicht wie der Typ Mädchen, mit dem man Spielchen spielt. Sie hat…“, er zögerte und suchte nach dem richtigen Wort, „…Tiefe. Und du bist nicht gerade dafür bekannt, in tiefen Gewässern zu schwimmen.“

„Vielleicht lerne ich es ja gerade“, erwiderte Garrett leise. Er stand auf. „Ich muss los. Hab in einer Stunde Vorlesung.“

„Garrett“, rief Logan ihm nach. Garrett drehte sich um. „Wenn du… reden willst. Über den ‚Scheiß‘. Du weißt, wo du mich findest.“

Garrett nickte dankbar. „Ich weiß. Danke.“

Als er durch den Campus ging, fühlte er sich seltsam entblößt. Logan hatte recht. Er schwamm in tiefen, unbekannten Gewässern, ohne Rettungsweste und ohne eine Ahnung von der Strömung. Und zum ersten Mal in seinem Leben wollte er nicht zurück ans sichere Ufer schwimmen.

Die Angst davor, was als Nächstes kam, war fast so groß wie die Angst vor seinem Vater. Was sollte er Ivery sagen, wenn er sie das nächste Mal sah? *‚Hi, danke, dass du gestern meine persönliche Therapeutin und Muse warst, wollen wir einen Kaffee trinken?‘* Die Normalität fühlte sich nach der Intensität ihrer letzten Begegnungen falsch und unzureichend an.

Er sah sie, bevor sie ihn sah. Sie kam ihm auf dem Hauptweg entgegen, den Blick auf den Boden gerichtet, eine Strickmütze tief ins Gesicht gezogen. Sie trug einen Stapel Bücher vor der Brust wie einen Schutzschild. Ihr Anblick löste eine seltsame Mischung aus Panik und einem tiefen, ziehenden Bedürfnis in ihm aus, einfach nur bei ihr zu sein.

Er verlangsamte seine Schritte, sein Herz hämmerte. *Sei normal, Graham. Sei einfach nur normal.*

Als sie nur noch wenige Meter entfernt war, hob sie den Kopf. Ihre grünen Augen trafen seine und weiteten sich vor Überraschung. Sie blieb stehen. Die Welt um sie herum schien für einen Moment zu verstummen – die plappernden Studenten, das Rascheln der Herbstblätter, alles verblasste.

„Hi“, sagte er. Seine Stimme klang belegt.

„Hi“, antwortete sie, kaum hörbar.

Sie standen sich gegenüber, eine unangenehme Lücke zwischen ihnen, gefüllt mit ungesagten Worten und der Erinnerung an Küsse.

„Auf dem Weg zur Bibliothek?“, fragte er und deutete auf ihre Bücher.

Sie nickte. „Psychologie des neunzehnten Jahrhunderts. Spannender als es klingt.“

„Bezweifle ich“, sagte er und ein Anflug eines Lächelns erschien auf seinen Lippen. „Ich bin auf dem Weg zu Ökonomie. Weniger spannend, als es klingt.“

Sie erwiderte das Lächeln, ein kleines, zögerliches Zucken ihrer Mundwinkel. „Pech gehabt.“

Die Stille kehrte zurück, diesmal noch ungelenker. Garrett spürte den Drang, etwas zu tun, irgendetwas, um diese seltsame Distanz zu überbrücken.

„Ich… äh… kann dich begleiten. Wenn du willst“, bot er an. „Mein Hörsaal liegt in der gleichen Richtung.“

Ivery zögerte einen Moment zu lange, und Garretts Magen verkrampfte sich. Er hatte es vermasselt. Es war zu früh. Zu normal. Er hätte sie nicht ansprechen sollen.

Doch dann nickte sie. „Okay.“

Sie gingen nebeneinander, aber mit einem deutlichen Sicherheitsabstand zwischen sich. Die ersten paar Minuten schwiegen sie. Es war eine völlig andere Art von Schweigen als in der Nacht zuvor. Damals war es ein geteiltes, verständnisvolles Schweigen gewesen. Dieses hier war unbeholfen, gefüllt mit der Angst, das Falsche zu sagen.

„Hast du… geschlafen?“, fragte er schließlich, unfähig, die Stille länger zu ertragen.

„Nicht wirklich“, gab sie zu. „Du?“

„Keine Sekunde.“

Wieder Stille. Garrett verfluchte sich. Er, der sonst mit jedem flirten und reden konnte, fühlte sich wie ein unbeholfener Fünfzehnjähriger.

„Das gestern Abend…“, begann er, aber sie unterbrach ihn.

„Wir müssen nicht darüber reden“, sagte sie schnell.

„Doch, müssen wir“, widersprach er sanft. Er blieb stehen und zwang sie so, es ihm gleichzutun. Sie standen unter einer großen Eiche, deren Blätter in leuchtenden Rot- und Goldtönen über ihnen hingen. „Ich will nicht so tun, als wäre es nicht passiert, Ivery. Ich will nicht so tun, als wärst du nicht in diese verdammte Halle gekommen, obwohl es dich wahrscheinlich alles gekostet hat.“

Sie sah ihn an, ihre Augen waren eine Mischung aus Angst und Trotz. „Was willst du hören, Garrett? Dass ich es für dich getan habe? Dass du mein strahlender Ritter auf Schlittschuhen bist?“

„Nein“, sagte er leise. „Ich will hören, dass du es nicht bereust.“

Ivery biss sich auf die Unterlippe. Die ehrliche Antwort war ein Chaos aus Ja und Nein. Sie bereute die Panik, die wiederauflebenden Traumata. Aber sie bereute nicht den Moment, als sich ihre Blicke trafen. Sie bereute nicht sein Lächeln.

„Ich bereue es nicht, geblieben zu sein“, sagte sie schließlich, die Worte sorgfältig gewählt.

Erleichterung flutete Garretts Gesicht. Es war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Ohne weiter darüber nachzudenken, tat er, was er schon die ganze Zeit tun wollte. Er streckte die Hand aus und nahm ihre.

Sie zuckte sofort zurück, als hätte er sie verbrannt. Ihre Hand entglitt seiner, und sie machte einen kleinen Schritt zurück. Der Schmerz über ihre Reaktion war wie ein unerwarteter Schlag in die Magengrube.

„Entschuldigung“, murmelte er und zog seine Hand zurück. „Ich wollte nicht…“

„Nein“, sagte sie schnell und schloss die Augen. „Nicht du. Es bin ich.“ Sie atmete tief durch und öffnete die Augen wieder. Ihr Blick war entschlossen. „Ich bin nicht gut darin. In… sowas.“ Sie machte eine vage Geste zwischen ihnen. Bevor er etwas sagen konnte, machte sie einen Schritt auf ihn zu und nahm ihrerseits seine Hand. Ihre Finger waren kalt, aber ihre Berührung war fest. Sie verschränkte ihre Finger mit seinen. „Aber ich will es versuchen.“

Garretts Herz setzte einen Schlag aus. Er sah auf ihre verbundenen Hände hinunter. Es war nur eine einfache Berührung, aber sie fühlte sich bedeutsamer an als jeder Kuss, den er je geteilt hatte. Es war eine bewusste Entscheidung. Ein Versprechen.

„Okay“, flüsterte er. „Versuchen wir es.“

Sie gingen weiter, schweigend, aber diesmal war die Stille angenehm. Die Wärme ihrer Hand breitete sich langsam in seinem Arm aus und vertrieb die innere Kälte. Sie bogen auf einen kleineren Pfad ab, der zu einem abgelegenen Teil des Campus führte, wo ein paar alte Steinbänke unter den Bäumen standen.

„Setzen wir uns kurz?“, fragte er. „Ich habe noch ein paar Minuten.“

Sie nickte und sie ließen sich auf einer der Bänke nieder, ohne ihre Hände zu lösen.

„Wie geht es deinem Kopf?“, fragte sie leise und sah ihn von der Seite an. „Du hast gestern einen ziemlichen Schlag abbekommen.“

Er war überrascht, dass sie das bemerkt hatte. „Mir geht’s gut. Gehört dazu.“ Er zögerte. „Es war schlimmer, als ich auf der Strafbank saß. Ich dachte nur daran, was er sagen würde.“

Er musste den Namen nicht aussprechen. Sie wusste, wen er meinte.

„Er hat dich nicht angerufen?“, fragte sie.

Garrett schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Er lässt es gerne köcheln. Lässt mich warten. Der Anruf kommt wahrscheinlich heute Abend oder morgen. Wenn ich es am wenigsten erwarte.“ Er spürte, wie der gewohnte Knoten der Angst sich in seinem Magen bildete.

„Du musst nicht rangehen“, sagte sie bestimmt.

Garrett lachte bitter. „Du kennst ihn nicht. Nicht rangehen macht es nur schlimmer. Dann taucht er hier auf. Das ist die Hölle auf Erden.“

„Dann leg auf, wenn er anfängt, dich zu beleidigen.“

„Ich wünschte, es wäre so einfach“, murmelte er und starrte auf das Herbstlaub zu ihren Füßen. Er wollte nicht, dass sie ihn für schwach hielt. Aber vor ihr konnte er nicht lügen. „Er hat mich in der Hand, Ivery. Er bezahlt für alles. Das Studium, die Wohnung, mein Auto. Er erinnert mich bei jeder Gelegenheit daran.“

Ivery wurde still. Ihre Finger drückten seine leicht. „Das ist keine Großzügigkeit, Garrett. Das ist Kontrolle.“

Er wusste, dass sie recht hatte. Er hatte es immer gewusst, aber es so klar von jemand anderem zu hören, verlieh der Wahrheit ein neues, schärferes Gewicht.

Genau in diesem Moment vibrierte sein Handy in seiner Hosentasche. Ein lautes, aggressives Summen, das die friedliche Stille zerriss.

Garrett erstarrte. Er musste nicht nachsehen. Er wusste, wer es war. Das Timing war so perfekt, so grausam, dass es fast schon kalkuliert wirkte. Ivery spürte seine Anspannung sofort. Ihr Griff um seine Hand wurde fester.

„Lass es einfach klingeln“, sagte sie leise.

Aber er konnte nicht. Der Zwang war zu stark, eine über Jahre antrainierte Reaktion. Mit zitternder Hand zog er das Handy aus der Tasche. Das Display leuchtete auf und bestätigte seine schlimmste Befürchtung.

*PHIL GRAHAM*

Der Name schien vom Bildschirm zu schreien. Ivery sah, wie die Farbe aus Garretts Gesicht wich. Sie sah, wie seine Schultern sich anspannten, wie sein Kiefer zu mahlen begann. Sie sah den gejagten Ausdruck in seinen Augen, den sie schon einmal in der Bibliothek gesehen hatte. Der goldene Junge war verschwunden, zurück blieb ein verängstigter Junge, der auf den nächsten Schlag wartete.

Sein Daumen schwebte über dem grünen Annahme-Button. Ein Reflex. Eine Kapitulation.

„Garrett“, sagte Ivery, ihre Stimme war ein eindringliches Flüstern. Er sah auf, seine Augen trafen ihre. In ihrem Blick lag kein Mitleid. Da war Stärke. Da war ein stilles Verständnis. Sie drückte seine Hand, einmal, fest. Eine unmissverständliche Botschaft. *Du bist nicht allein.*

Er starrte sie an, dann wieder auf das schreiende Display. Das Summen schien die ganze Welt zu erfüllen. Die Stimme seines Vaters hallte bereits in seinem Kopf wider, voller Vorwürfe und Enttäuschung. *‚Eine Enttäuschung auf dem Eis.‘*

Aber dann hörte er eine andere Stimme. Iverys. *‚Du warst brillant.‘*

Er sah die Erinnerung an ihre Augen in der Dunkelheit der Arena, ein Leuchtfeuer der Stärke. Er spürte die Wärme ihrer Hand, ein Anker in der Gegenwart.

Etwas in ihm verschob sich. Ein Riss in der alten, erstickenden Mauer des Gehorsams.

Mit einer ruckartigen Bewegung, die ihn selbst überraschte, bewegte sich sein Daumen. Aber er wischte nicht nach rechts. Er wischte nach links. Der rote Button.

Das Vibrieren hörte auf.

Stille.

Der Anruf war weggedrückt.

Garrett starrte auf den dunklen Bildschirm, sein Herz hämmerte ihm bis zum Hals. Er hatte es getan. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Anruf seines Vaters bewusst ignoriert. Er hatte sich widersetzt.

Er hob langsam den Kopf und sah Ivery an. Sie sah ihn an, ihr Atem war ebenso flach wie seiner.

„Er kann warten“, sagte Garrett. Die Worte waren kaum mehr als ein Hauch, aber sie wogen mehr als alles, was er je gesagt hatte. Es war eine Kriegserklärung. Eine Befreiung.

Ivery sagte nichts. Sie musste es nicht. Sie lächelte nur. Es war kein großes, strahlendes Lächeln. Es war ein kleines, fast unsichtbares Lächeln, aber es war das Schönste, was Garrett je gesehen hatte. Es sagte: *Ich bin stolz auf dich.*

Er atmete zitternd aus, ein Lufthauch, den er nicht gemerkt hatte, dass er ihn angehalten hatte. Er spürte, wie die Anspannung langsam von seinen Schultern abfiel. Die Angst war nicht weg. Er wusste, dass es Konsequenzen geben würde. Aber zum ersten Mal war die Angst nicht das dominierende Gefühl. Es war ersetzt worden durch etwas anderes, etwas Neues. Ein Gefühl der Partnerschaft.

Sie saßen noch lange da, auf der kalten Steinbank unter den goldenen Blättern, ihre Hände fest miteinander verschlungen. Sie redeten nicht mehr. Die Worte waren aufgebraucht. Übrig blieben nur diese stillen Atemzüge im Dazwischen, in dem fragilen Raum, den sie sich erkämpft hatten. Ein Raum zwischen dem Schmerz der Vergangenheit und der Ungewissheit der Zukunft. Ein Raum, der nur ihnen gehörte. Und für den Moment war dieser kleine, stille Raum alles, was zählte.